#dankhelm: Warum die Aufklärung in die falsche Richtung geht

Wir nutzen die wunderbare Abendsonne für eine kleine Runde auf unseren Rennrädern. Die Laufräder surren. Es geht leicht bergab, im Windschatten des besten Mannes der Welt rolle ich dahin. Wir haben, wie man so schön sagt, Sonne in den Speichen.

Hinter mir höre ich ein lautes Motorengeräusch, hinter uns ist wohl ein LKW. Wir fahren gerade in eine langgezogene, uneinsehbare Kurve hinein. Ich denke: „Kein Ding, nach der Kurve kann er ohne Probleme überholen.“  Trotzdem setzt der LKW jetzt schon zum Überholen an. Ich denke: „Hoffentlich kommt uns nichts entgegen“, da sehe ich schon den breiten SUV im Gegenverkehr.

Der LKW, übrigens mit zwei Anhängern, ist da schon auf der Höhe des besten Mannes der Welt angelangt. Ich bremse und schreie nach vorne: „Fahr langsamer und an den Rand!“. Der LKW zieht, vom Gegenverkehr überrascht, herüber auf unsere Seite.

Ich denke: „Bitte, lass ihm Platz. Bitte, bitte lass ihm Platz.“ Die riesigen LKW-Reifen kommen uns gefährlich nahe, ich könnte meinen Arm ausstrecken und den hinteren Anhänger berühren. Glücklicherweise kommt der beste Mann der Welt mit weniger als einem halben Meter Straße aus, denn daneben wäre kein Platz, um auszuweichen. Der LKW zieht knapp an uns vorbei. Mein Herz rast. Wir fahren zittrig erst einmal rechts ran.

Aufklärung wäre wichtig

Unser LKW-Erlebnis ist leider keine Ausnahme. Beinahe auf jeder Fahrt, egal ob mit Stadt-, Rennrad oder Mountainbike, passiert es, dass Autos mich zu knapp überholen, vor mir gefährlich rechts abbiegen oder mir die Vorfahrt nehmen ohne ersichtlichen Grund. Ich habe mich schon beinahe damit abgefunden – auf der Straße gilt wohl das Recht des Stärkeren. Es braucht keinen LKW, da reicht schon ein Smart, um mich außer Gefecht zu setzen. Ich habe keine Knautschzone. Meine Konsequenz: ich fahre vorausschauend und extrem defensiv, denke für alle anderen Verkehrsteilnehmer mit und  poche nicht auf mein Recht.

Schon lange wünsche ich mir, dass mehr Aufklärung betrieben wird, z. B. darüber, welcher Überholabstand geboten ist (1,5 Meter), dass Vorfahrtsregeln auch für Radfahrer gelten, dass ein Schulterblick beim Rechtsabbiegen und beim Türenöffnen Leben retten kann und dass mit Motorisierung auch eine besondere Verantwortung einhergeht. Wie wenig Bewusstsein über diese Verantwortung vorhanden ist, das zeigt wieder der LKW. Was in aller Welt kann so wichtig sein, dass nicht noch einige Sekunden mit dem Überholvorgang gewartet werden kann, bis die Kurve vorbei und möglicher Gegenverkehr rechtzeitig sichtbar ist?

 

Und jetzt kommt #dankhelm…

Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) und allen voran Doro Bär (CSU) machen gerade „Aufklärung“ . Die übergeordnete Kampagne heißt „Runter vom Gas“, prinzipiell eine gute Idee. Denn tödliche Unfälle passieren oft aufgrund hoher Aufprallgeschwindigkeit, weswegen ein Tempolimit innerorts von 30 km/h Todesfälle reduzieren könnte. Aber ich schweife ab.

Im Zentrum der Kampagne „Runter vom Gas“ stehen momentan die Radfahrer. Leider allerdings nicht in dem Sinne, den ich weiter oben skizzierte. Sondern die aktuelle Aktion mit freundlicher Unterstützung von Darth Vader heißt „Dank Helm“.

 

 

Radfahrer sollen dazu angehalten werden, einen Helm zu tragen. Einen Helm zu tragen finde ich erst einmal ganz vernünftig, auch ich setze so gut wie immer einen Helm auf, wenn ich mich aufs Rad setze. Richtig problematisch finde ich aber, dass das die einzige Zielsetzung der Aktion ist. Es wird keine Aufklärung betrieben, wie Autofahrer und Radfahrer rücksichtsvoll im Verkehr miteinander klar kommen können. Es werden nur die Fahrradfahrer dazu angehalten, sich doch gefälligst zu schützen, wenn sie schon unbedingt am gefährlichen Verkehr teilnehmen müssen.

Hauptsache, der motorisierte Verkehr wird nicht beeinträchtigt davon. Ein echt schlechter Witz. Die Homepage wartet auch nur mit belehrenden Listen auf, die Radfahrer auf das richtige Verhalten im Straßenverkehr hinweisen. Auf Kritik an der Aktion, die bereits von zahlreichen Radfahrern formuliert wurde, wird übrigens nicht einmal reagiert. Ok doch, mit Beleidigt-sein.

 

 

Ich bin seit mehr als zehn Jahren sehr viel mit dem Rad im Straßenverkehr unterwegs, und ich halte mich für eine sehr gesetzestreue Radfahrerin. Die gefährlichsten Situationen hatten allesamt mit motorisierten Verkehrsteilnehmern zu tun. Um Fahrradfahren sicherer zu machen, muss politisch woanders angesetzt werden. Der Helm ist da die unbedeutendste Stellschraube.

 

Eine Helmpflicht kennt nur Verlierer

Die Kampagne könnte übrigens der Vorreiter einer gesetzlichen Helmpflicht sein. Die Probleme, die damit zusammenhängen, zeigt das Beispiel Australien. Dort ging der Radverkehr nach der Einführung einer Helmpflicht massiv zurück. Darüber hinaus zeigten sich Autofahrer rücksichtsloser gegenüber Radfahrern – sei es, weil sie die Radfahrer unbewusst als ohnehin durch den Helm als geschützt ansehen oder weil sie mit den wenigen Radfahrerbegegnungen nicht klar kommen.

 

Hätte uns der LKW erfasst, hätten die Helme, die wir zu dem Zeitpunkt trugen, wohl auch nicht viel gebracht. Liebes BMVI, liebe Doro Bär, lieber Alexander Dobrindt: Setzt das Geld, das für die Helmkampagne ausgegeben wird, besser für Infrastrukturverbesserungen oder wenigstens sinnvollere Aufklärungskampagnen ein. Und hört auf mit dieser unverschämten Schuldumkehr.

 


 

Weiterführende Links:

Initiative Clevere Städte: Blank ziehen gegen Helmpflicht

It started with a fight: Warum ich die neue Helmkampagne des BMVI kritisch sehe

SZ-Online: Lieber Darth Vader!


Was haltet Ihr von der #dankhelm-Kampagne?

Carolyn Ott-Friesl

Nicht viel, nicht schnell - aber mit Leidenschaft. So betreibe ich Radsport seit mehr als zehn Jahren. Mehr über mich...

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6 Antworten

  1. Lars sagt:

    Du hast zu 100% recht. Helme können ja auch gar keine Unfälle verhindern, wie sollten die das machen? Richtiges Verhalten verhindert Unfälle. Da könnte man sich beim Thema Arbeitsschutz einiges abschauen. Dort gilt überall der (gesetzlich verankerte!) Grundsatz, Gefährdungen möglichst zu vermeiden und nicht vermeidbare Gefährdungen zu minimieren. §4 des Arbeitsschutzgesetzes besagt ausdrücklich, dass individuelle Schutzmaßnahmen nachrangig zu anderen Maßnahmen sind. Diese Grundsätze sollten sich gewisse Leute einfach mal zu Gemüte führen. Hier wird das Pferd von hinten aufgezäumt, wenn du mich fragst.

    VG Lars

  2. Deutschland ist ein Autoland. Mit Erfolg hat man in den 60er-70er Jahre Fußgänger und Radfahrer an den Rand des Verkehrsraums gedrängt. Gerade in Städten fällt das massiv auf. Dazu kommt, dass der gemeine Autofahrende meint mit seiner KfZ-Steuer die ausschließliche Straßennutzung zu erkaufen. Natürlich rechnet niemand die tatsächlichen Einnahmen den tatsächlichen Kosten incl. Umweltschäden, Platzbedarf usw. dagegen.
    Aus der Unfallforschung weis man schon längst, dass nur die Herabsetzung der Geschwindigkeiten alle Verkehrsteilnehmer gleichermaßen vor den Folgen von Unfällen schützt. In anderen europäischen Ländern ist man in dieser Beziehung viel weiter und es fällt schon auf, dass es, egal ob auf Rad oder im Auto, nirgendwo so aggressiv zugeht wie in Dschtl.
    Möge das Pedelec noch mehr Menschen aufs Rad steigen lassen!

  3. Julian sagt:

    Du hast zu 1000000% recht mit dem was du da schreibst !!!

    Solche Situationen wie mit dem Lkw kenne ich , selbst wenn er langsam von hinten auf dich zu fährt hat man ein ungutes Gefühl, da er viel zu schnell ist – man darf gar nicht dran denken, dass mal jemand stürzen könnte…

    Aus Protest fahre ich in manchen Situationen und Strecken mittig in der Straße , bekomme dafür gerne mal den Stinkefinger gezeigt- so langsam würde eine Kamera am Rennrad Sinn machen…

    Radfahrern wird heutzutage viel zu wenig Respekt gezollt & und viel zu wenig Rücksicht genommen , fängt in den Wohngebieten an und hört auf den Landstraßen auf !!!

  4. Rainer Halmen sagt:

    „Beinahe auf jeder Fahrt, egal ob mit Stadt-, Rennrad oder Mountainbike, passiert es, dass Autos mich zu knapp überholen, vor mir gefährlich rechts abbiegen oder mir die Vorfahrt nehmen ohne ersichtlichen Grund. “
    Dieser Satz ist leider nur allzu wahr. Ich fahre mit dem Rad mehrmals die Woche einmal quer durch Berlin und zurück (ca 35 km eine Strecke). Auf jeder Fahrt habe ich 3-5 Nahtoderlebnisse, verursacht von Autofahrern, die unaufmerksam, aggressiv oder schlicht überfordert von der Komplexität des Verkehrs in ihren Käfigen sitzen. Das ist neben auch vorkommender individueller Bösartigkeit ein strukturelles Problem unseres absurden autozentrierten Verkehrssystems. Darin ändern solche Helmkampagnen gar nichts, die sich intensiv mit Randproblemen beschäftigen und ansonsten alles lassen wie es ist.

  5. Tine sagt:

    Liebe Carolyn, das hast du ganz wunderbar geschrieben. Ich fand die „Dank Helm“ Kampagne auch sehr fragwürdig und irreführend. Es ist, wie du schon sagst, viel wichtiger beide Seiten aufzuklären. Sowohl die Radfahrer, die sich auch nicht immer an die Verkehrsregeln halten und rücksichtlos fahren, also auch natürlich die motorisierten Verkehrsteilnehmer über ihre Verantwortung aufzu klären. Das ist das wichtigste. Im Sinne von „Wenn du nicht richtig guckst oder unachtsam bist, stirbt vielleicht ein Mensch“. Mal schauen, was sich unsere Politik noch so einfallen lässt. Aber leider hat die Autolobby da sicher noch viel zu viel mitzureden.

  1. 15. Mai 2016

    […] oben beginnen: Da sitzt bei mir immer, ja wirklich immer beim Rennradfahren der Helm*. Es gibt (glücklicherweise) keine Helmpflicht in Deutschland und jeder muss für sich selbst entscheiden, ob der Helm mitmuss. […]

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