Thomas Dekker: „Unter Profis“ – Blutpanscherei im Billighotel

Eins kann man ohne zu lĂŒgen behaupten: „Unter Profis“ ist die Autobiographie einer extremen Persönlichkeit. Denn Thomas Dekker erfĂŒllt wahrscheinlich alle Kriterien, die einen grĂ¶ĂŸenwahnsinnigen Narzissten ausmachen. Er findet, dass er alles gewinnen kann und sollte, hat Erfolg auf Kosten von anderen, verprasst alles, will alles haben und nichts dafĂŒr geben.

Thomas Dekker Unter Profis Buch Mein Gefecht

 

Um was geht es in „Unter Profis“?

Doch zunĂ€chst zum Anfang: Bereits im Jugend- und Juniorenbereich dominiert Thomas Dekker die Rennen seiner Altersklasse. Als es dann im Profibereich nicht mehr ganz so problemlos lĂ€uft, ist fĂŒr ihn klar: Das kann bei seinem Talent nur daran liegen, dass die anderen illegal nachhelfen. Er ĂŒberlegt nicht lange und schnell kommt er zu einem folgenschweren Entschluss. Wenn er ganz vorne mitspielen möchte – also da, wo er hingehört – muss er eben auch nachhelfen.

Neben seinem immer tieferen Einstieg in die Welt der illegalen Leistungssteigerung, von Cortison, EPO und irgendwann konspirativen Treffen mit Dr. Fuentes und heimlichen FlĂŒgen nach Madrid, erzĂ€hlt er auch kurzweilig von anderen Aspekten seines Profilebens. Sexeskapaden, Bordellbesuche, ausschweifender Luxus, Parties mit sehr viel Alkohol und Ecstasy. Ziemlich spannend, in welchem Zustand die Profis so zur Arbeit erschienen und dann auch richtig Rennen fahren konnten.

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Hochmut kommt vor dem Fall

Das Ende seiner Dopingkarriere ist jedoch dramatisch. Thomas Dekker treibt es immer bunter und fĂŒhlt sich immer unangreifbarer – schließlich ist er zu gewitzt, um entdeckt zu werden. Denkt er.

Zwar entkommt er zunÀchst den DopingjÀgern; der Blutbeutel, der bei Dr. Fuentes in Madrid liegt, kann ihm zunÀchst nicht zugeordnet werden. Nach dem Auffliegen von Fuentes geht es weiter zu Stefan Matschiners österreichischer Blutzentrifuge.

Bei einer Nachkontrolle wird er jedoch positiv auf Dynepo getestet – das zum Zeitpunkt der Tat noch gar nicht nachweisbar gewesen war. Eine Dopingsperre spĂ€ter ist Dekker ein beinahe gebrochener Mann. Er fasst nicht mehr richtig Fuß im Peloton, kĂ€mpft mit Alkoholproblemen und enttĂ€uscht wiederholt Freundin, Familie und sein Team.

Ein kleines Happy End gibt es dennoch: Er geht in die USA, startet einen Stundenweltrekordversuch, scheitert und ist trotzdem wieder versöhnt mit dem Fahrradfahren.

 

Lesenswert, aber wenig Neues in Sachen Doping

Ich muss sagen, mich hat „Unter Profis“ nicht wirklich geschockt. Es ist lesenswert geschrieben, Dekker und Co-Autor Thijs Zonnefeld beschönigen nichts und Dekker geht hart mit sich ins Gericht, was hin und wieder etwas selbstmitleidig daher kommt. Aber mich interessiert eigentlich nicht, mit welchen Fahrerschwestern Thomas Dekker geschlafen hat oder wie viele Bordelle er besucht hat.

Auch die Doping-Methoden und Verschleierungen sind bereits durch frĂŒhere BĂŒcher wie „Radsportmafia“ von Tyler Hamilton* bekannt. Das hat mich jetzt also nicht fĂŒrchterlich beeindruckt, auch wenn die Blutpanscherei im Billighotel immer noch keine wirklich nette Vorstellung ist.

Was an diesem Buch bemerkenswert ist: Thomas Dekker hat aktiv nach Doping verlangt und ist beim Team Rabobank sofort auf offene Ohren gestoßen ist. Es war offensichtlich gar kein Problem, sich mit den Teamkollegen, den TeamĂ€rzten bei Rabobank oder dem eigenen Manager ĂŒber Doping zu unterhalten und es gar einzufordern. Gleichzeitig kommt nach dem positiven Test die große Scheinheiligkeit – keiner will mehr was davon gewusst haben, der alleinige Depp ist immer der Erwischte, egal, wie sehr Andere von dessen Erfolgen profitiert hatten.

Ob Teamkollege Michael Boogerd, der Manager Hanegraaf oder der Rabobank-Teamarzt: jeder schwieg nach außen, half mit, zu dopen und zu verschleiern – auch wenn es aufgrund von unterschiedlichen Motiven geschah. Der Teamarzt machte laut Dekker nur mit, damit er die Sache wenigstens unter Ă€rztlicher Aufsicht bewerkstelligte. Hanegraaf sah nur den Profit. Und fĂŒr Boogerd war es einfach ganz normal. Gruselig.

Thijs Zonneveld Thomas Dekker Biographie

 

Das Problem besteht immer noch

Was mich immer wieder beschĂ€ftigt, ist, dass Figuren mit Dopingvergangenheit, die Doping so normal wie Boogerd finden, immer noch im Radsport unterwegs sind. Wird das öffentlich kritisiert, wird man sogar im hochrangigen BDR-Umfeld (natĂŒrlich inoffiziell) als Schmierfink bezeichnet. So viel zum „Wind of Change“ im (deutschen) Radsport. (An dieser Stelle: Lieber Ralf Meutgens und alle anderen, die zum Thema Doping recherchieren: nur nicht nachlassen und weiter unbequem sein!)

NatĂŒrlich ist es blöd, dass es immer wieder EnthĂŒllungen gibt. NatĂŒrlich ist das schlecht fĂŒrs Image. Aber sollen wir einfach wegschauen? Sollen wir junge Fahrer mitten hinein in eine verdorbene „Mafia“ schicken? Oder wollen wir es schwierig machen fĂŒr BetrĂŒger und damit einen Radsport anstreben, mit dem wir guten Gewissens Spaß haben? Das geht eben nur ĂŒber die unbequeme Wahrheit.

 

Gelingt der Generationswechsel irgendwann?

Es ist ein extremer Lebensstil, den die Profis pflegen. Sie gehen so oft an ihre Grenzen. Vielleicht sind sie wegen dieser Extreme eher geneigt, zu außergewöhnlichen Maßnahmen zu greifen. Umso wichtiger ist es, sie vor den AbgrĂŒnden abzuhalten, die sich wie bei Dekker auftun können. Und umso besser, dass immer mehr ehemalige Radprofis wie Thomas Dekker ihre Geschichte erzĂ€hlen. Möge sie abschreckend wirken und mithelfen, dass endlich irgendwann der Generationswechsel im Radsport gelingt, indem alte Doping-Haudegen enttarnt werden. Die Hoffnung ist klein, aber stirbt zuletzt. Schließlich geht es hier um den schönsten Sport der Welt. Den sollten wir nicht einfach so aufgeben.

 


Titel: „Unter Profis“ (Original: „Mijn Gevecht“)
Autor: Thomas Dekker, Thijs Zonneveld
Kategorie: Autobiographie
Verlag: Covadonga
ISBN-13: 978-3957260246
Preis: 14,80 Euro
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Der Verlag Covadonga stellte mir freundlicherweise ein kostenfreies Exemplar von „Unter Profis“ fĂŒr eine Rezension zur VerfĂŒgung. Die nebenstehende Abbildung des Buchcovers enthĂ€lt einen Link zu Amazon*.


 

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Carolyn Ott-Friesl

Nicht viel, nicht schnell - aber mit Leidenschaft. So betreibe ich Radsport seit mehr als zehn Jahren. Mehr ĂŒber mich...

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