Anti-Doping: Sportler, bewegt Euch!

Ein Text von Prof. Dr. Dr. Perikles Simon bewegt seit Sonntag die Gemüter und wird von Sportlern und Sportinteressierten fleißig im Netz weitergereicht. Ein Artikel „über die Einschränkungen für Profisportler“ sei es, ein Anprangern gegen das unwürdige Verhalten gegenüber Profisportlern, die sogar ihre Geschlechtsteile während der Dopingprobe gut sichtbar machen müssen (z. B. hier wird beschrieben, warum). Vielleicht waren viele Sportler auch dankbar, dass mit solcher Unverblümtheit endlich die Methoden der Dopingkontrolleure geschildert werden, die der Öffentlichkeit sonst verborgen bleiben und sie auch gar nicht interessieren. Das ist aber nur ein Teil der Geschichte, denn der Text ist ein Aufruf. Die Sportler, die das zur Kenntnis genommen haben, zeigen aber wenig Elan. Die meisten sind sich vielmehr einig, dass sowieso niemand etwas ändern wird und sich der Aufwand gar nicht lohnt.

 

Was bringen Eure Opfer?

Natürlich ging es im Text auch um die ungeheuerlichen Anforderungen, die der Dopingkampf an die Sportler stellt. Kaum Privatsphäre und der geschilderte Ablauf der Dopingproben, das ist für Nicht-Sportler schier unvorstellbar. Meiner Meinung nach sind engmaschige Kontrollen wichtig, um sich einem sauberen Sport zumindest anzunähern. Profisportler bringen große Opfer, damit man ihnen glaubt. Damit das Publikum ihnen zusieht, damit Sponsoren sie finanzieren und damit sie im Idealfall ihren olympischen Traum leben können.

Aber was, wenn die Opfer gar nichts bringen? Wenn diese Opfer einfach nur dazu da sind, damit die verantwortlichen Funktionäre und Verbände weiterhin mit den Sportlern und ihren sauberen Dopingproben Geld machen und ihre Macht ausbauen können? Damit alle ein gutes Gefühl haben, denn es wird ja kontrolliert? Damit sie behaupten können, der Sport wäre sauber, sie aber gar kein Interesse daran haben, das Gegenteil zu beweisen? Im Moment sieht es nämlich genau danach aus.

 

Wer kontrolliert die Kontolleure?

Dopingproben bringen nur etwas, wenn das Kontrollsystem funktioniert und wenn die Kontrolleure kontollierbar sind. Zuletzt hatte die ARD-Reportage „Geheimsache Doping“ von Hajo Seppelt gezeigt, dass genau das zumindest in Russland nicht der Fall ist. Zwar wird kontrolliert, aber was mit den Proben passiert, hängt von der Willkür weniger mächtiger Funktionäre ab. Das System ist ineffektiv und teilweise korrupt. Falls eine Probe positiv ist, die nicht positiv sein soll, dann ist sie es auch nicht. Ich wäre zwar sehr gerne optimistisch, allerdings befürchte ich, dass das russische System kein Einzelfall ist. Perikles Simon berichtet, dass ein Report von Experten im Jahr 2012 zeigte, dass das WADA-Kontrollsystem ineffektiv ist. Die Dopingkontrollberichte sind nur in Ausnahmefällen überprüfbar, die Kontrolldaten werden meist nicht publiziert, obwohl das einen Verstoß gegen den WADA-Kodex darstellt.  Aber die Anti-Doping-Agenturen haben nichts zu befürchten. Weil keiner danach fragt. Was für Sportler ein Berufsverbot nach sich ziehen würde, hat auf Seite der Anti-Doping-Agenturen keine Folgen.

Aber das heißt eben auch: Es ist in diesem intransparenten System total egal, wer welche Körperteile während der Dopingprobe herzeigt. Und es ist total egal, ob Sportler auf die Minute genau angeben, wo sie wann aufzufinden sind und wie sehr sie ihre Privatsphäre einschränken. Weil oft gar nicht gewollt ist, dass positive Proben an die Öffentlichkeit gelangen oder dass in irgendeiner Weise Transparenz herrscht. Die sauberen Sportler machen das alles umsonst. Aber es scheint sie nicht zu kümmern. Von den Sportlern selbst ist kaum etwas zu hören.

 

Was tun?

Ich weiß, es braucht Courage, sich mit den Großen im Sport, Funktionären oder mächtigen Verbänden anzulegen und sich dann noch mit dem Killerthema Doping (auch wenn es eigentlich Anti-Doping ist) öffentlich in Verbindung zu bringen. Aber den Profisportlern muss bewusst sein: Niemand kontrolliert die Kontrolleure. Weil niemand ein Interesse daran hat, sie zu kontrollieren. Doch, halt, Moment: Ihr, liebe saubere Sportler, seid die Betroffenen. Ihr habt unter der Ineffizienz des Kontrollsystems zu leiden, nicht die Politik und auch nicht euer Publikum, am allerwenigsten die Sponsoren.

Es bringt nichts, immer nur mit der Achsel zu zucken und zu sagen: als Profi ist das halt so und irgendwann ist es ja dann auch vorbei mit der Leistungssportkarriere. Ich meine damit nicht, wie das wohl Maximilian Levy in unserer kurzen Diskussion auf Twitter verstand, dass alle Sportler jetzt auch noch im Nebenjob Funktionäre sein sollen. Aber warum nicht hin und wieder mal bei der zuständigen Anti-Doping-Agentur nachfragen, wann die Kontrolldaten publiziert werden und ob sich an den WADA-Kodex gehalten wird? Warum nicht mal in Interviews oder Gastbeiträgen die verantwortlichen Funktionäre unter Druck setzen? Ich meine damit nicht anschwärzen, sondern nachfragen, Transparenz fordern, unbequem sein. Warum nicht in den Sportlerverbänden einen Verantwortlichen für Anti-Doping-Transparenz bestimmen? Hinterfragt, fordert, kontrolliert, schafft Euch eine Lobby, die sich gegen Doping, aber auch gegen die Verletzung Eurer Rechte einsetzt. Damit Eure Entbehrungen einen Sinn haben. Und damit sich die Anti-Doping-Agenturen rechtfertigen müssen, wenn sie gegen ihre eigenen Vorgaben verstoßen.

Sportler sind schnell dabei, die Dopingkontrolleure zu kritisieren, wenn es mal wieder um sechs Uhr früh klingelt oder wenn der Kindergeburtstag unterbrochen wird. Aber ist nicht die wahre Sauerei, dass all das völlig umsonst geschieht, solange mit den Proben nicht transparent umgegangen wird?

 

„Kämpft für Eure Persönlichkeitsrechte, lasst nicht mehr alles mit Euch machen, und seid nicht so leichtgläubig zu denken, dass andere Eure Rechte organisieren, verwalten und vertreten werden. […] Solidarisiert und organisiert Euch, und macht das nicht für uns, macht das nicht für Geld, macht es für Eure Persönlichkeit und Eure Rechte.“
Prof. Dr. Dr. Perikles Simon, FAZ Online

Carolyn Ott-Friesl

Nicht viel, nicht schnell - aber mit Leidenschaft. So betreibe ich Radsport seit mehr als zehn Jahren. Mehr über mich...

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3 Antworten

  1. christoph sagt:

    da fällt mir ein ganz „besonderer“ fall aus dem jahr 2008 ein. 2008 wurde kevin van impe zu einer unmittelbaren dopingprobe genötigt, während er im krematorium die einäscherung seines sohnes, der wenige stunden nach der geburt verstorben war, plante.

    • Auf der einen Seite ist das natürlich unglaublich tragisch, dass sich van Impe in diesem Moment mit so etwas „Profanem“ beschäftigen musst. Auf der anderen Seite auch irgendwie verständlich, dass die Kontrolleure darauf pochten, weil sonst könnte sich jeder eine Ausrede überlegen, warum er gerade psychisch nicht in der Lage ist, eine Dopingprobe abzugeben. Viel wichtiger ist, dass das nicht umsonst passiert und die Dopingtests auch nach dem Versiegeln durch den Sportler korrekt ablaufen. Sonst kann man das alles gleich lassen.

      • Christoph sagt:

        Da hast Du schon recht, dass sich da jeder eine Ausrede überlegen könnte. In diesem konkreten Fall aber mMn ein widerliches Unding seitens der Kontrollorgane. Zumindest warten, bis die van Impes im Krematorium fertig sind, hätten sie können. Und bei Verdacht, ein oder zwei mal in nächster Zeit nochmals prüfen. Diesen Mehraufwand ist man dem Menschen schuldig. Ansonsten, absolut d’accord. Abgesehen davon: Ich persönlich wäre für eine generelle Loslösung der Kontrollen von den nationalen Verbänden bzw. den NADAs – hin zu internationalen Organisationen. Ich z.B. bin aus Österreich – da hat’s von den ganzen SportheldInnen die wenigsten daheim in Österreich erwischt, sondern bei Proben im Ausland…

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