„Don’t be such a girl!“ – Kathi Kuypers im Interview

Ein kleines Kaff bei Bruckmühl, südöstlich von München. Ich versuche, die Hausnummer 17 der ungefähr einzigen Straße dort zu finden. Kaum bin ich angekommen, strahlt sie mich schon aus der Tür des alten Bauernhauses an: Kathi Kuypers, 24 Jahre alt und eins der vier Trek Gravity Girls.  Mit ihr spreche ich darüber, wie sie zum Mountainbiken kam, wie sie mit Angst umgeht und was sie unsicheren MTB-Anfängern rät.


 

Ciclista: Du hast mit 18 Jahren begonnen, Mountainbike-Rennen zu fahren. Wie kam es dazu?

Kathi Kuypers: Angefangen hat es schon, als ich als Kind mit meinen Eltern als Familienausflug in die Berge zum Mountainbiken ging. Ich bin da immer meinen Brüdern hinterher, die gleich mit einem Wheelie den Berg hinunter und durchs Gemüse gefahren sind. Das fand ich supercool! Als Teenager dachte ich, ich müsste abnehmen, bin häufiger gefahren und kam immer mehr in einen Wahn. Mir hat das immer mehr Spaß gemacht und deswegen bin ich irgendwann Marathon gefahren.

Mit 18 habe ich mit Cross Country Rennen angefangen und mit 19 habe ich meine erste MTB-Transalp gemacht. Kurz darauf hat der Bikepark Samerberg, gleich hier in der Nähe, aufgemacht. Bergab fahren war schon immer viel cooler als bergauf fahren und da hat mich irgendwie das Fieber gepackt. Ich bin daher auch recht schnell von 110mm auf 160mm Federweg gegangen.

Dann kam 2012 das Rennen in Saalbach-Hinterglemm, bei dem ich als Viertplatzierte die erste nicht-gesponserte Radfahrerin war.

 

Du bist ja eine von vier Trek Gravity Girls. Was ist das und wie wird man das?

Gravity hat nichts mit illegalen Schmierereien am Bahnhof zu tun, sondern es geht um Gravitationskraft, denn wir sind bergab orientierte Biker. Es gibt die Marathonszene, die Cross-Country-Szene und eben die Gravity-Szene. Die umfasst Downhill, Dirtjump und Enduro und wir vier Mädels verkörpern diese Szene.

Das erwähnte Rennen in Saalbach-Hinterglemm war gleichzeitig der Auftakt zum Casting für die Trek Gravity Girls, nach drei weiteren Terminen stand dann fest, dass ich ins Team passe. Seitdem bin ich dabei.

 

 

Welche Rennen fährst du für die Trek Gravity Girls?

Ich nehme zur Gaudi an ein paar Enduro-Rennen teil und ich fahre auch Dirtjump-Contests. Das ist eine rein männerdominierte Sportart, da gibt’s nur eine Handvoll Mädels weltweit, die das beherrschen. Leider ist das noch sehr in den Kinderschuhen, deshalb müssen wir bei den Männern mitfahren. Dadurch lerne ich immer mehr dazu.

 

Vielleicht kannst du kurz erklären, was Dirtjumpen genau ist?

Beim Dirtjumpen gibt es aufgeschüttete Hügel und darüber springt man dann. Absprung, Landung und in der Mitte des Hügels ist meistens ein Loch. Um die Tricks dafür zu üben, habe ich ein eigenes foam pit, also eine Schnitzelgrube. Wenn es nicht klappt, ist es nicht schlimm, weil man im Schaumstoff weich landet. Und erst, wenn die Tricks dort richtig gut klappen, dann probiere ich das auf Dirt.

Beim Dirtjumpen gibt es Contests und die Freeride MTB World Tour (FMB). Da gibt’s nur Männer, oder eher Jungs, die das fahren. Mit 25 ist nämlich in der Regel Schluss damit.

In diese Freeride World Tour versuche ich reinzurutschen, bisher bin ich bei eher entspannteren Dirtjam Sessions mitgefahren. Zur Vorbereitung auf die Contests fahre ich im Winter immer nach Barcelona, denn dort gibt es mit dem Bikepark La Poma die perfekte Trainingsstätte. Da kommen auch viele der Profis her und alle Profis fahren im Winter dorthin zum Trainieren.

 

 

Wie groß ist die Dirtjump-Szene?

Auf jeden Fall kleiner als die Enduro- oder die Downhill-Szene, weil das kann nicht jeder. Um über Hügel zu springen brauchst du ein gewisses Level, sonst tust du dir ganz schnell weh. Und dann machst du es im Zweifelsfall nur ein Mal.

 

Bist du dann immer die einzige Frau auf den Contests?

Ja, leider schon. Es sind zwar immer die weiblichen Groupies dabei oder die Freundinnen der Contest-Fahrer, aber auf der Strecke bin ich die einzige. Es gibt eine Frau in Barcelona, die ist richtig gut, wohnt direkt am Bikepark La Poma und sie wird immer besser. Wir haben da ein kleines Battle laufen. Ich sehe immer auf Facebook oder Instagram, welche Tricks sie gerade gelernt hat und dann weiß ich: jetzt muss ich wieder Gas geben. Sie ist supermutig und vor ihr muss ich auch hin und wieder den Hut ziehen.

Sie wird jetzt auch gesponsert und kann, wenn sie es richtig anstellt, richtig Geld damit verdienen. Ich hoffe wirklich, sie macht was draus. Denn sie ist zusammen mit mir die Vorreiterin und vielleicht schaffen wir es, irgendwann so viele Mädels zu motivieren, dass wir einen eigenen Contest an den Start bringen können.

 

Warum gibt es deiner Meinung nach so wenige Frauen beim Dirtjumpen?

Es sieht natürlich brutal aus und du brauchst richtig viel Durchhaltevermögen. Man fällt wirklich oft einfach auf die Nase. Und man braucht viel Mut. Ich habe zwei Jahre gebraucht, nur um die Basics zu lernen. Und das, obwohl ich ja schon richtig lange Enduro und Downhill fahre. Aber es ist nochmal was anderes. Außerdem hat nicht jeder die Möglichkeit, mit einem foam pit zu üben. Die hatte ich auch nicht, deswegen hab‘ ich‘s mir einfach gebaut. Vielleicht wissen viele auch gar nicht, dass es die Sportart gibt.

 

 

Bist du furchtloser als Andere?

Nein, um Gottes willen! Früher, wenn ich mit meinen Brüdern im Wasserpark war, hab ich mich nicht mit denen von den höchsten Rutschen getraut. Also ab und zu hab ich das gemacht, aber da musste ich schon viel überredet werden.

 

Gibt es irgendeinen Trick, von dem du weißt, dass du ihn nie wagen wirst?

Ich hab schon einmal gesagt: „Das mach ich nie im Leben, bist du deppert!“ und jetzt mach ich es doch. Früher stand ich an einem richtig hohen Startturm und dachte, ich fahre da niemals runter. Bis ich dann überlegt habe, dass ich an anderen Hügeln, über die ich mich getraut habe, eigentlich genauso viel Airtime (Anm. Airtime= Zeit in der Luft) habe. Also ist es eigentlich nichts anderes. Deshalb sage ich jetzt nicht, dass ich mich irgendetwas nie trauen würde.

Schlimm sind Frontflips. Ich habe so viele Freunde, die sich so richtig weh getan haben bei diesen Tricks. Es kann sein, dass ich mich mal dran wage, aber im Moment möchte ich das nicht.

 

Wie gehst du damit um, wenn du oben an der Startrampe stehst, Angst hast und dir denkst: „Das will ich jetzt eigentlich nicht“?

Ja, das kommt eigentlich fast jedes Mal vor, wenn ich neue Lines, also neue Linien über Sprünge oder beim Downhill, lerne. Da denke ich mir immer: Scheiße, warum machst du das eigentlich? Aber man darf nicht zu lange drüber nachdenken, sonst funktioniert es einfach nicht. Aber ich sage mir dann immer: Hey, das hast du schon einmal gemacht und das ging gut. Und dann fahre ich einfach. Mir hilft es auch, wenn einer voraus fährt und ich hinterher, ich also gezogen werde. Es ist einfach schwierig, die Geschwindigkeit richtig einzuschätzen. Wenn du zu schnell bist, fliegst du zu weit und zerschellst im schlimmsten Fall unten im Flachen. Wenn du zu langsam bist, fällst du entweder ins Loch oder bleibst mit dem Hinterrad stecken und dann ist es auch vorbei.

 

 

Bei dir ist es ja schon einmal schief gegangen, oder?

Ja, schon oft! Aber einmal richtig. Ich wollte Barspins lernen, dabei klemmt man den Sattel in der Luft zwischen die Knie und dreht den Lenker einmal ganz um die eigene Achse. Mir wurde gesagt, das ist super einfach. Einfach um 90° komplett in der Luft drehen, dann wäre das Lenkerdrehen einfacher. Aber irgendwie ging mein Fuß nicht mit, der Lenker stand schief und ich dachte mir während des Sprungs: „Ach Scheiße, ich will wieder zurück“.

Dabei hätte ich einfach nur fertigdrehen müssen. Das sagt sich danach so leicht. Und dann hat‘s mir den Fuß abgedreht. Meine ganzen Kreuzbänder waren hinüber, das Schienbein war gebrochen, im Knie war alles kaputt und es hat alles furchtbar lang gedauert, bis alles wieder in Ordnung war. Ich hatte so viele Termine geplant und das passierte am 1. Mai, am Anfang der Saison. Glücklicherweise hatte ich einen sehr guten Doktor, der mich operierte. Er sagte mir immer, was passieren kann, wenn ich aufs Rad steige, aber er hat mich immer machen lassen. Es hing alles daran, ob ich schnell genug Muskeln aufbauen könnte.

Ich darf eigentlich gar nicht laut sagen, dass ich nach vier Wochen wieder auf dem Rad gesessen bin. Da war ein Fotoshooting in Saalbach-Hinterglemm, bei dem ich unbedingt dabei sein wollte. Zwei Wochen konnte ich den eingegipsten Fuß nur hochlagern und mein Oberschenkel war nur noch halb so groß wie vorher. Das Knie war breiter als der Oberschenkel. Also nahm ich einen Personal Trainer, mit ihm habe ich innerhalb von zwei Wochen wieder alles auftrainiert und begann wieder, Rad zu fahren. Dabei musste ich dann immer eine Carbonschiene tragen.

Am schlimmsten war aber der Kopf. Der hat das nicht ganz mitgemacht. Anfangs bin ich da ein bisschen wie ein Tourist gefahren. Aber meine Trek Mädels haben mich aufgebaut und ermutigten mich. Ich habe die Videoshootings zunächst nicht mitgemacht, da sieht man ja, wenn man unsicher fährt. Ich war dann nur bei den Fotoshootings dabei. Dadurch, dass ich so früh wieder aufs Rad gestiegen bin, hat sich viel Narbengewebe gebildet, also musste ich ein Jahr nach dem Unfall nochmal operiert werden. Aber jetzt ist alles wieder gut. Nur Drehungen, oder Tricks, bei denen man vom Rad wegspringt, mache ich seitdem nicht mehr gerne.

 

Du hattest dir ja deine eigene Dirtjump-Übungshalle gebaut. Wie aufwändig ist sowas?

Das war die Aktion meines Lebens! Dafür braucht man erst einmal richtig viel Geld und richtig viel Leidenschaft. Man muss es einfach durchziehen. Ich hatte glücklicherweise einige Kumpels, die mir geholfen haben, am Ende blieb natürlich trotzdem viel an mir hängen. Aber das war die Mega-Trainingshalle. In einer alten Bundeswehrhalle, die war so hoch, dass man nicht mit dem Kopf oben anstoßen konnte und wir konnten alles im Boden verschrauben. Leider wurde die Halle neulich abgerissen, weil dort Wohnungen gebaut werden. Deswegen bin ich jetzt umgezogen zu meinem Opa, in einen alten Heustall.

 

Kathi Kuypers mit dem Gerüst der selbstgebauten Rampe in Opas Heustall.

Wie viel Zeit verbrachtest du in der Halle?

Eigentlich den ganzen Winter, wenn ich nicht in Barcelona war. Ich muss ja auch noch nebenher studieren, aber ich bin eigentlich die meiste Zeit auf dem Rad. Es ist ja wirklich wie eine Sucht. Ich konnte früher nie verstehen, wie Menschen alkohol- oder zigarettensüchtig werden kann, aber jetzt versteh‘ ich‘s.

 

Gibt es etwas, worauf du besonders stolz bist?

Ich bin natürlich schon stolz darauf, die einzige Frau bei den Dirtjump-Contests zu sein. Auf der einen Seite ist es blöd, weil die Jungs mich auch wie einen Mann behandeln. Da würde ich mir schon ein paar Mädels als Verstärkung wünschen. Auf der anderen Seite ist es lässig, das einzige Mädchen zu sein. Ich bin auch nur unter Männern aufgewachsen, mit drei Brüdern, also musste ich mich schon immer unter Männern durchsetzen.

Ansonsten hab‘ ich mal Backflips gelernt, da bin ich auch recht stolz. Leider habe ich seit meiner Verletzung keinen einzigen gestanden. Das möchte ich wieder schaffen. Außerdem bin ich die erste Frau, die 360ies steht, also ganze Drehungen in der Luft. Aber leider noch nicht auf Dirt. Das müsste man einfach machen, aber seit dem Unfall bin ich da echt vorsichtig. Früher hab ich das einfach gemacht.

 

Du gibst ja auch MTB-Fahrtechnikkurse. Was rätst du MTB-Anfängern, die sich auf dem Rad wenig zutrauen?

Ich rate, alles Schritt für Schritt zu machen. Nicht mit dem Schwierigsten beginnen. Mir hat früher geholfen, wenn ich mir gesagt habe: So etwas Ähnliches bin ich schon einmal gefahren und das ist gut gegangen. Außerdem bringt es etwas, mit viel Federweg auf die Trails zu gehen. Die heutigen Räder sind richtig High-Tech, da merkst du fast nichts. Es kommt nur darauf an, dass du ein gutes Gefühl hast. Breiter Lenker, keine Klickies, alles eliminieren, was stören könnte. Auch Knieschoner oder meinetwegen ein Vollvisierhelm können Sicherheit geben. So mache ich das auch: Wenn ich Angst habe, ziehe ich alle meine Protektoren an, die ich habe, komm‘ daher wie ein Michelinmännchen und dann fühle ich mich einfach sicherer. Und wenn es damit funktioniert, dann funktioniert es auch ohne.

 

Es gibt immer mehr MTB-Kurse extra für Frauen. Was hältst du davon?

Ich finde das gut, denn wenn dir Frauen Sachen erklären, dann ist es irgendwie verständlicher für Frauen. Männer sind da manchmal weniger einfühlsam. Meine Männer sagen oft zu mir: Kathi, stell dich nicht so an! Oder in Barcelona heißt es oft: Don’t be such a girl!

Oft haben Frauen auch mehr Geduld – natürlich gibt’s auch Ausnahmen unter den Männern, da will ich niemanden schlecht machen. Aber dann fährt man das Stück eben 15 Mal. Hauptsache, man hat es dann auch gemacht.

 

Falls nach diesem Interview jemand total Lust hat, mit Dirtjumpen zu beginnen, wo fängt man da an?

Am besten fängt man mit dem Pumptrack an. Da lernt man das richtige Pumpen, also die Bodenwellen wegzudrücken und in den Senken Geschwindigkeit aufzunehmen. Der nächste Schritt ist, kleine Bodenwellen zu überspringen. Danach kann man sich im Bikepark an Tables versuchen und wenn man das Springen intus hat, geht es nur noch darum, die Geschwindigkeit richtig einzuschätzen. Das ist einfach Übungssache. Und wer mal in meinen foam pit springen möchte, das ist auch gar kein Problem.

 

Vielen Dank für das Interview!

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So, seid Ihr dabei? Eine Runde Dirtjumpen? 🙂

Carolyn Ott-Friesl

Nicht viel, nicht schnell - aber mit Leidenschaft. So betreibe ich Radsport seit mehr als zehn Jahren. Mehr über mich...

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1 Antwort

  1. 4. Mai 2015

    […] man vielleicht im Interview mit Dirtjumperin Kathi Kuypers gemerkt hat, beschäftigt mich das Thema “Angst auf dem Fahrrad”, vor allem, […]

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