Oman mit dem MTB: Wie man Kamele irritiert

Wir waren zwei Wochen lang im Sultanat Oman mit dem MTB unterwegs.  Was wir dabei alles erlebt haben und wie uns der Wüstenstaat komplett überrascht hat, lest ihr hier.

Ein kauendes Kamel am Wegesrand schaut meinem Treiben interessiert zu. Denn ich kämpfe mich keuchend gefühlt zum 25. Mal heute eine Rampe hoch, der Schweiß läuft über meine Augenbrauen, rollt über die Wangen und tropft schließlich auf das neongrüne Oberrohr meines Mountainbikes. Es ist steil. Schon wieder. Ein Blick nach unten zeigt, dass die Sonne meinen Schatten genau senkrecht auf die steinige Piste wirft. Der Blick nach vorne zeigt, dass bald Schluss ist, zumindest mit diesem Anstieg.

Ich sehe gerade noch, wie Alex und Christoph hundert Meter vor mir über die Kuppe verschwinden, beide tief über die Lenker gebeugt und schwer damit beschäftigt, die Kurbel rumzukriegen. Oben angekommen, klicke ich erst einmal aus, bleibe stehen und verschnaufe für einige Minuten. Feixend blitzen sich die Jungs an. „Regenerationstour wieder heute, klarer Fall“.

Meine Beine schmerzen nicht nur wegen der Rampen heute. Mein Freund Christoph und ich sind seit fast einer Woche im Sultanat Oman unterwegs. Mein Bruder Alex lebt und arbeitet hier seit sieben Jahren und nimmt uns mit auf die Reise, denn wir sind ausgezogen, die schönsten Mountainbike-Strecken des arabischen Landes zu entdecken.


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Nicht so heiß wie gedacht auf Masirah

So heiß, wie man denken könnte, ist es gar nicht, wenn man nicht unbedingt in Maskat bleiben möchte. Gleich am zweiten Tag unserer Reise entfliehen wir daher der Hitze der Hauptstadt. Der riesige GMC meines Bruders rollt schon um 5 Uhr morgens aus der Einfahrt, dem Sonnenaufgang entgegen. Wir üben uns in Synchron-Gähnen. Nach 400 Kilometern Richtung Süden und einer einstündigen Überfahrt mit der Fähre erreichen wir Masirah Island, eine Insel östlich des omanischen Festlands. Im Kitecamp nahe des Ortes Sur Masirah wollen wir vier Nächte bleiben, um von dort auch abgelegene Pfade mit dem MTB zu entdecken.

 

In diesen Tagen zeigt sich die Insel von ihrer besten Seite. Vier ausgedehnte Touren schaffen wir in der kurzen Zeit, mit Routen von gerade einmal 13 Kilometern mit viel Schiebeanteil bis hin zu knapp 50 Kilometern, während derer wir von Küste zu Küste kurbeln. Wir entdecken tiefe Sandpisten, auf denen ein guter Gleichgewichtssinn gefragt ist und steinige Beduinenpfade, auf denen wir den Hufabdrücken der Kamele folgen. Gelangen unerwartet, gleichsam als Belohnung nach einer langen Tour durch Sand, Gestein und Buschwerk, in schattige Palmengärten. Und werden von vielen Kamelen misstrauisch beäugt, denen wohl in ihrem bisherigen Leben noch nicht viele bunt gekleidete Weißbrote auf Fahrrädern über den Weg gelaufen sind. Genau wie den wilden Eseln, die wiehernd in einer Staubwolke davon galoppieren.

Die Hitze macht mir im Gegensatz zu den Steigungen nur mittags zu schaffen, das Thermometer bleibt bei etwas über 30 Grad Celsius stehen. Ansonsten sorgt eine stete Brise dafür, dass nicht nur der Fahrtwind uns kühlt. Trotzdem achten wir immer darauf, genügend Wasser dabeizuhaben. Die karge Landschaft wirkt wie eine Warnung. Allerdings sind wir nicht beunruhigt, auch wenn es mal knapp wird. Uns begegnen zwar nicht viele Menschen, die sind dafür umso hilfsbereiter. Kaum ein Auto passiert uns, ohne dass ein Omani einmal kurz hupt, begeistert winkt oder in einem Mix aus Englisch und Arabisch fragt, ob wir irgendetwas brauchen.

Gestärkt mit einem Frühstück von Campkoch Sadiq verlassen wir das Camp auf Masirah nach 5 Tagen. Der GMC ist jetzt vollgepackt mit drei Fahrrädern, Campingausrüstung, Gepäck und Alex‘ Hund, Tim Taylor.


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Ganz im Süden des Oman wird es grün

Die Straßen im Dhofar-Gebirge sind einfach in den Berg gefräst. Die Farben, die so sichtbar werden, leuchten in den schönsten Farben.

Wir durchqueren Wüsten, Küstenregionen und kleinere Ortschaften und sind überwältigt von den Felsformationen im Dhofar-Gebirge. Die Straße ist hier einfach in den Fels gefräst, die so an die Oberfläche kommenden Gesteinsschichten leuchten in den tollsten Farben. Am liebsten würde ich alle paar Kilometer einen Fotostop machen. Allerdings wird es hier bereits um sechs Uhr dunkel, wir müssen zügig voran kommen. Nach 700 Kilometern erreichen wir gegen acht Uhr abends Mirbat, fast ganz im Süden des Omans. Nach einem ausgiebigen Abendessen suchen wir uns einen Strand in der Gegend, um unser Lager aufzuschlagen. Zehn Minuten lang bewundern wir den klaren Sternenhimmel, bevor wir alle drei wegnicken.

Die beiden Touren im Süden rund um Mirbat und Salalah sind atemberaubend. Unser Bild des Sultanats wird in diesen Tagen gründlich über den Haufen geworfen. Vom Wüstenstaat ist nichts mehr zu sehen, wir durchfahren grüne Landschaften, die wir hier nie erwartet hätten. Es ist Mitte September, kurz nach Ende der dreimonatigen Regenzeit und damit genau der richtige Zeitpunkt. Zwei Wochen früher hätten wir viel Nass von oben abbekommen. Drei Wochen später hätte sich das Grün bereits zurück in das übliche Braun verwandelt. Wir schrauben uns hoch bis auf 1000 Meter über dem Meer und wähnen uns eher im indischen Hochland als in Arabien. Sogar omanische Mini-Kühe grasen auf den Wiesen und wir stellen fest, dass Kamele im Grünen ein sehr irritierender Anblick sind – fast so sehr, wie wir für sie.

So grün hatten wir es im Oman auf unserer MTB-Tour nicht erwartet.

Immer wieder drücken die Beduinen ihr Erstaunen darüber aus, dass ich als Frau mir diese Strapazen auf dem MTB antue.

Die Beduinen, die hier im Gebirge ihr Lager aufgeschlagen haben, bieten uns Tee und Wasser an. Immer wieder drücken sie ihr Erstaunen aus, dass ich als Frau mir diese Strapazen antue. „Very strong lady, very good!“, fährt ein alter Beduine einige Minuten lang mit seinem Geländewagen neben uns her und reckt den Daumen immer wieder nach oben. Fast alle, die uns begegnen, wollen uns irgendwie behilflich sein und fragen uns aus, warum wir hier sind und woher wir kommen. Die unrhythmischen Rampen der Pisten, die sich sandfarben durch die Pflanzenwelt schlängeln, ziehen mir inzwischen langsam aber sicher die Kraft aus den Beinen.

In einem kleinen Dorf treffen wir auf zwei omanische Jungs, die ebenfalls mit dem Rad unterwegs sind. Die fehlenden Bremsen an ihren rostigen Drahteseln sind nicht der einzige Unterschied zu unseren Carbon-Mountainbikes. Sie fangen sofort an zu verhandeln, bemängeln mit gerunzelter Stirn den fehlenden Luftdruck in unseren Reifen und bieten uns zwei Rial (etwa vier Euro) für unsere Räder. Nach reiflicher Überlegung nehmen wir das Angebot aber dann doch nicht an und fahren weiter.

Abends nach den Touren machen wir uns frisch in den natürlichen Quellen, die dem Gebirge entspringen. „Ich dachte, das gibt’s nur im Film“, bricht es aus Christoph heraus, als wir an einer unserer „Badewannen“ stehen, die so klar sind, dass man selbst den kleinsten Fisch am Grund des Beckens erkennen kann. Im letzten Dämmerlicht waschen wir uns den Dreck der Tagestour von der Haut.

Die Kamele im Oman nahmen meist Abstand von uns, wenn wir mit den MTBs ankamen.

 

1000 Kilometer durch die Wüste

Der letzte Teil unserer Reise beginnt. Noch 1000 Kilometer trennen uns von Maskat, davor wollen wir aber den höchsten Berg des Oman, den Jebel Shams, unter die Räder nehmen. Zwischen Salalah und dem Hadschar-Gebirge durchqueren wir mit dem Auto die Wüste Rub al-Khali, das „leere Viertel“, und sehen in diesen Stunden wirklich fast nur das blendende Sandweiß der Wüste und das Asphaltband der Straße bis zum Horizont. Am Morgen des nächsten Tages erwachen wir im Sunrise Resort, auf einem Plateau des Jebel Shams in mehr als 2000 Metern Höhe gelegen. Der Ausblick auf das Hochgebirge lenkt von den kalten Füßen ab, nachdem die Temperaturen in der Nacht unter 10 Grad gefallen waren.

Meine Beine fühlen sich trotz des üppigen Frühstücks und des Ruhetags zuvor nicht gut an. Ich bin am Ende. Sechs anspruchsvolle Touren in neun Tagen sind genug für mich, die Jungs haben mich fertig gemacht. „Naja, DU willst doch das 24-Stunden-Rennen machen, oder?“ Da haben sie leider auch wieder Recht. Trotzdem überlasse ich ihnen die letzte Tour hinunter ins Tal, und schwinge mich nur für ein kurzes Stück aufs Rad. Unten angekommen, gönnen wir uns frischen Fruchtsaft in einem der Coffee Shops. Die Stimmung ist gelöst, wir sind erleichtert, dass ab jetzt erst einmal Regeneration angesagt ist. Aber das währt nicht lange.

Nichts als Sand und Straße bis zum Horizont.

Schon am nächsten Morgen, zurück in Maskat beim Putzen der Räder, kurz bevor unser Flug geht, sind wir uns einig, dass wir eigentlich schon wieder losfahren könnten. Zu einem Ausflug ins unerwartete Grün im Sultanat.

Carolyn Ott-Friesl

Nicht viel, nicht schnell - aber mit Leidenschaft. So betreibe ich Radsport seit mehr als zehn Jahren. Mehr über mich...

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3 Antworten

  1. 5. Januar 2015

    […] Besonders interessiert hat mich natürlich ihre Einschätzung zu Oman als Radreiseland (hier nochmal mein eigener Reisebericht). Geo und der Velophil-Blog der Zeit berichteten bereits über sie. Aktuell ist sie in China […]

  2. 26. März 2015

    […] Es ist gut möglich, dass der Pannenverursacher, sei es Steinchen, Scherbe, oder – wie auf unserer Tour im Oman oft genug – eine Dorne trotz Schlauchwechsel noch immer im Reifen feststeckt. Klar, da wird […]

  3. 20. Juni 2016

    […] könnte es so gerne und weiß doch, dass ich es nie können werde. Ich habe mich bereits durch den Oman gekämpft, versuche regelmäßig mein Glück in den Alpen, aber ich weiß genau: Egal, wie gut […]

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