Pantanissima – Gran Fondo Marco Pantani: Wo der Pirat weiterlebt

Pressereise – Ich stehe in der ersten Reihe, direkt unter dem Startbogen. Es ist 7 Uhr 15 und hinter mir stehen tausend Radfahrer und Radfahrerinnen. Neben mir stehen unter anderem Alessandro Vanotti, fr├╝her Nibalis Edelhelfer, oder der unglaublich fit aussehende Manuel Senni, letztes Jahr Sieger der Tour of Colorado. Vor uns l├Ąuft Tonina Pantani, Marcos Mama, herum, begutachtet die VIP-G├Ąste und gr├╝├čt hier und da. Gleich starte ich zu meinem allerersten Gran Fondo in Italien – genauer gesagt zum Gran Fondo Marco Pantani in Cesenatico. Ich bin Gast von Terrabici und darf daher von da starten, wo ich eigentlich so gar nicht hingeh├Âre.

Tonina Pantani stromert am Start herum.

Der Radmarathon wird auch Pantanissima genannt. Es ist quasi das pantanigste, was man als Nichtprofi so machen kann. Der Start erfolgt in der Heimatstadt des Pirata, die Strecke f├╝hrt ├╝ber seine Lieblingsberge der Region und Mama Pantani schwenkt die Fahne f├╝r den Start.

“Direkt nach dem Start f├Ąhrst Du an die Seite und versuchst, bei mir zu bleiben. Die sind verr├╝ckt. Verr├╝ckt!”, r├Ąt mir Alessandro Malaguti, Ex-Profi und schon die letzten beiden Tage mein Guide in der Emilia Romagna. Hinter mir scharren die Rennfahrer mit den Vorderr├Ądern. Jap.┬á Denen mach ich Platz, ich bin noch zu jung zum Sterben. Es wird gescherzt, fotografiert, heruntergez├Ąhlt, und schon wird das Rennen freigegeben.

Der Start ist angeblich neutralisiert, zu merken ist davon nicht viel. Ich fahre direkt an den Rand und schwimme in der Menge mit. Ich bekomme gar nicht mit, wo sich der scharfe Start befindet, so tief h├Ąnge ich im Unterlenker. Ich versuche nur, Ales Hinterrad vor mir zu halten und die Emilia-Romagna-Trikots nicht aus den Augen zu verlieren. Kurz wirds brenzlig, einer unserer Terrabici-Gang hat die Trinkflasche wegen eines Schlaglochs in einer Unterf├╝hrung verloren. Die Flasche kullert mir zwischen die Laufr├Ąder, ich slide kurz – aber netterweise kullert die Flasche gleich wieder weg. Hui, das war knapp.

Ich versuche mit zunehmend schmerzenden Beinchen, mein Feld zu halten. Nach 15 Kilometern am Anschlag und einem 36er Schnitt gebe ich auf und falle hinten raus. Alter. Noch mindestens 55 Kilometer zu fahren und ich bin eigentlich schon mausetot. Ich werde von Feld um Feld aufgefahren und hinten wieder ausgespuckt. Irgendwann kann ich dann doch eine Gruppe halten, mit der ich z├╝gig Richtung H├╝gel d├╝se.

So langsam beruhigt sich auch meine Atmung und die Kilometer fliegen nur so vorbei. Ich bekomme Hunger. Nach 25 Kilometern – ich bin so eine Lusche. Aber so fr├╝h vor dem Rennen bringe ich nun mal kein Fr├╝hst├╝ck runter, also muss ich halt w├Ąhrend des Rennens nachf├╝llen.

Mein Nebenfahrer erz├Ąhlt mir: “I am *nuschel* hungry.” Ich w├Ąhne in ihm einen Verb├╝ndeten und schreie ihm entgegen: “Me too!” Er l├Ąchelt und schaut verwirrt. F├╝nf Sekunden sp├Ąter d├Ąmmert mir: Der gute Mann wollte mir sagen, dass er aus Ungarn kommt. Hungary, nicht hungry. ├ähm ja. Jedenfalls krame ich kurz darauf meine erste Verpflegung von Ethic Sports aus der Trikottasche.

Die Strecke teilt sich. Meine Beine sind inzwischen wieder gut dabei und das bisschen Hunger habe ich auch in den Griff bekommen. Also kurze Strecke mit 73 Kilometern? Oder doch die mittlere mit 108 Kilometern? Oder doch kurz? Aaaah┬á – ach egal. Volle Kraft voraus auf die mittlere Strecke. Ich bin ja hier, um was zu erleben!

Kurz danach beginnt die Stra├če, st├Ąrker anzusteigen. Ja, Mist. Vielleicht w├Ąre die kurze Runde doch ganz geil gewesen, finden die Beine, die die letzten beiden Tage schon gut performt haben. Meine Gruppe ist mir weggefahren, hinter mir sehe ich niemanden. Bin ich jetzt die Letzte? Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen nach diesem crazy Tempo zu Beginn – da m├╝ssen noch welche kommen. Aber wo sind denn alle? Abgebogen auf die kleine Runde? Egal, solange es Pfeile gibt, komme ich da schon durch.

Die Stra├če wird langsam steiler, der Beginn des Anstiegs nach Ciola ist jetzt auch per Schild manifestiert. 6 Kilometer, durchschnittlich 5,5 Prozent. Dann auf in die Serpentinen! Es macht gerade nur so mittelm├Ą├čig Spa├č, der Tacho scheint irgendwie stehengeblieben zu sein. Ich schalte in den kleinsten Gang, Hauptsache in Bewegung bleiben. Irgendwann rollen mich von hinten doch noch Teilnehmer auf. Juhu! Doch nicht allein auf der Strecke!

Anstieg nach Ciola.

Ich h├Ąnge mich an zwei nette Frauen aus Venedig dran. Sie erz├Ąhlen, sie machen sowas fast jedes Wochenende. Irgendwann enteilen sie mir ein paar Meter. Ich fahre daf├╝r auf zwei ├Ąltere Herren auf. Die k├Ânnen zwar kein Englisch, aber mit meinen dr├Âlf Worten italienisch und H├Ąnden und F├╝├čen verst├Ąndigen wir uns. Sie erkl├Ąren mir, dass der zweite Anstieg zwar k├╝rzer, aber steiler ist. Und ich doch ruhig vorbeifahren soll, wenn ich will. Och n├Â, tutto bene, grazie. Das gem├Ąchliche Tempo passt mir gerade ganz gut.

Langsam wachen die Beinchen auf, der Tritt wird lockerer – da ist der Anstieg aber schon wieder vorbei. Daf├╝r ersp├Ąhe ich direkt die Verpflegungszone, Ristoro hei├čt das hier. Bananen, Pl├Ątzchen, Minipizza – ein Tr├Ąumchen! Ich kralle mir von allem etwas, f├╝lle Wasser nach, schalte auf das gro├če Blatt und st├╝rze mich in die etwas neblige Abfahrt. Tja, da hab ich nat├╝rlich nicht mit diesem fiesen Gegenanstieg gerechnet – es geht noch einmal ein paar hundert Meter steil bergauf.

Essen!

Aber dann gehts endlich runter. Erst steiler in Haarnadelkurven, unten im Ort Mercato Saraceno k├Ânnte man dann auf die lange Route mit 145 Kilometern weiterfahren, ich biege aber auf die mittlere ab. Das reicht heute locker. Ich kreisele kurz mit einem Herren, bis uns die n├Ąchste Gruppe auff├Ąhrt. Leicht bergab geht es jetzt flott Richtung H├Âhepunkt dieses Gran Fondo.

Der H├Âhepunkt, das ist der Anstieg nach Montevecchio, auch Cima Pantani genannt, weil der Pirat hier oft trainierte. Vier Kilometer, durchschnittlich 8 Prozent, maximal mehr als 15 Steigungsprozente. Gleich zu Beginn ragt die l├Âchrige Stra├če steil nach oben. “No sono┬á Pantani” – ich bin nicht Pantani, seufze ich zu einem Mitfahrer. “Nemmeno io” – ich auch nicht, sagt er und lacht.

Cima Pantani – Anstieg nach Montevecchio.

Die ersten zwei Kilometer lassen kaum Gelegenheit, die Beine mal kurz zu entspannen. Alle paar hundert Meter steht in leuchtendem Rosa “Pantani” auf dem Asphalt. Mitten in einem der steilen St├╝cke spricht mich Sebastiano an. Wir unterhalten uns kurz und kurzatmig in italienisch-englisch dar├╝ber, wo wir herkommen, in welchem Hotel ich wohne. Und ich soll ihm doch bitte meine Telefonnummer geben, er will mich auf ein Eis einladen. ├ähm ja, ne danke, gerade nicht. Au├čerdem bin ich mit Atmen besch├Ąftigt, ich sch├Ątze mal so 8% hat die Stra├če gerade.

Er bleibt hartn├Ąckig. Ich fahre extra langsam, damit er vorausfahren kann, und spiele den sterbenden Schwan – aber er bleibt bei mir. Dann halt anders: Ich sammle Kr├Ąfte, bitte in Gedanken Pantani um Hilfe und trete an. Sebastiano kann mir nicht folgen und ich gewinne Abstand. Ha! Klappt ganz gut und ich sammle noch ein paar Mitfahrer ein. Am Tacho fliegen die Zahlen der Kilometeranzeige nur so dahin. Schnell sind 3,5 Kilometer um, weit kann es nicht mehr sein. W├Ąhrenddessen fliegen die beiden F├╝hrenden der langen Runde an mir vorbei: Profi Manuel Senni und Christian Barchi, manchen vielleicht vom ├ľtztaler Radmarathon bekannt. Was f├╝r ein Tempo!

Die letzten paar hundert Meter gehen fix vorbei. Die “Bergwertung” kommt direkt in Sicht. Davor steht in rosa auf der Stra├če geschrieben: “Sempre con te, Marco” – “Immer an Deiner Seite, Marco”, oben auf dem h├Âchsten Punkt ist ein riesiger Felsen mit Foto von Pantani und rosa und gelben B├Ąndern geschm├╝ckt, zum Gedenken an das 20-j├Ąhrige Jubil├Ąum von Giro- und Tour-Sieg von Marco Pantani. Cima Pantani eben.

Sempre con te, Marco.
Denkmal oben an der Cima Pantani.
Ristoro an der Cima Pantani.

Ich bediene mich auch hier am vollen Ristoro-Buffet, betrachte kurz das Pantani-Denkmal und schwinge mich wieder aufs Rad. Damit habe ich die beiden gro├čen Anstiege der mittleren Runde hinter mich gebracht. Glaube ich zun├Ąchst. Dann erinnere ich mich an das, was Alessandro mir am ersten Tag gesagt hatte: “Die Cima Pantani ist gar nicht so schlimm. Du verzweifelst eher an den vielen kleinen Gegenanstiegen, die danach kommen”. Richtig, die hatte ich vergessen. Nix mit 25 Kilometer bergab. 10 Kilometer lang macht die Stra├če jetzt einen auf Achterbahn. Runter, hoch, runter, hoch, rechts, links, runter, hoch. Wie anstrengend!

Zumindest verfahren kann ich mich nicht, freundliche Streckenposten mit roten Fahnen weisen mir an Kreuzungen den richtigen Weg. Aber von mir aus d├╝rfen die Gegenanstiege jetzt aufh├Âren. Das grenzt langsam an K├Ârperverletzung. Kurz, bevor ich absteigen und mich einfach an den Stra├čenrand legen m├Âchte, erreiche ich das Flachst├╝ck. Ein freundlicher Herr spannt sich vor mich und l├Ąsst mich nicht arbeiten. Pf├╝h! Irgendwann biegt er ab – der geh├Ârte gar nicht zum Gran Fondo, der wollte nur spielen. Und ich bin wieder allein.

Noch 15 Kilometer bis zum Ziel. Wo sind denn alle? Versprengte schnelle Gruppen von der langen Runde d├╝sen an mir vorbei. Hin und wieder kann ich mich kurz an die D├╝ser hangeln, aber meist bin ich gleich wieder weg. Also Unterlenker gekrallt und alleine los. Ich passiere das 10-Kilometer-Schild. Von hinten h├Âre ich die n├Ąchste Gruppe heranfliegen. Ich beschleunige und ha, jetzt klebe ich dran am Hinterrad. Ich sitze im Expresszug Richtung Ziel – gutes Tempo und gerade noch so von mir zu halten. Bis die n├Ąchste Autobahnbr├╝cke kommt – da platze ich leider weg. Zusammen mit einem Mitstreiter, der aber so grau ist, dass er gar nicht mehr vorankommt. Also wieder alleine weiter.

Die Kilometerschilder h├Ąufen sich. Noch 5. Noch 3. Noch 2 – ein Streckenposten ruft mir zu: “Ultimo kilometro!” und ich biege auf die ewig lange Zielgerade ein. Ein paar Zuschauer sind noch da und feuern kr├Ąftig an, ich trete nochmal rein und versuche, mich in vern├╝nftigem Tempo ├╝ber die Ziellinie zu retten. Geschafft! 108 Kilometer, 1200 H├Âhenmeter – das reicht dann jetzt f├╝r heute. Das Zielbier zusammen mit den Terrabici-Jungs ist hart verdient.

Geschafft!

Eine richtig sch├Âne Runde war das und mit der Cima Pantani auch noch eine richtig emotionale Tour, ob man will oder nicht. Die Stra├čenmalereien sind wirklich r├╝hrend und man kann sich gut vorstellen, wie Marco Pantani sich seinerzeit am Anstieg nach Montevecchio den letzten Trainingsschliff geholt hat. Die Verpflegung w├Ąhrend des Gran Fondo war klasse und auch ├╝ber die Streckensicherung kann ich mich nicht beklagen. Der Gran Fondo Marco Pantani macht Lust auf mehr – es gibt ja noch gen├╝gend Events in der Region. Ich komme wieder! Das ist ein Versprechen. ­čÖé

Das H├Âhenprofil der mittleren Runde beim Gran Fondo Marco Pantani 2018.

Zwei Stunden nach meinem Zieleinlauf schnappe ich mir ein Leihrad vom Grand Hotel Cesenatico und rolle noch einmal zur├╝ck zum Zielbereich. Und da ist noch richtig was los! Die Siegerehrungen sind immer noch in vollem Gange. Ganz vorn dabei, mal wieder: Tonina und Paolo Pantani, Marcos Eltern. Ich komme gerade an, als Fabio geehrt wird. Fabio sieht kaum ├Ąlter aus als 22, er war also vielleicht 8 Jahre alt, als Marco Pantani im Hotel “Le Rose” in Rimini starb. Er erz├Ąhlt von seinem ganz pers├Ânlichen Giro d’Italia, bei dem er Geld gesammelt hat f├╝r die Fondazione Marco Pantani, eine karitative Stiftung, die von Tonina Pantani ins Leben gerufen wurde. W├Ąhrend er, umringt von Tonina und Paolo, erz├Ąhlt, dass Marco sein gro├čes Vorbild war, bricht er in Tr├Ąnen aus. Tonina nimmt ihn fest in den Arm, Paolo legt die Hand auf seine Schulter.

Tonina und Paolo bei der Ehrung von Fabio, dem karitativen Radler.

Da wird mir nochmal richtig klar: Marco Pantani lebt weiter. Und zwar als Held in der kollektiven Erinnerung, sogar als Held der n├Ąchsten Generation, egal wie ambivalent man zu ihm stehen mag. Pantanissima ist nicht nur einmal im Jahr, Pantanissima ist immer, zumindest in Cesenatico.

Pantani-Statue in Cesenatico, enth├╝llt zu seinem 10. Todestag.

Transparenzhinweis: Alle Kosten der Reise wurden von Terrabici ├╝bernommen.

 

Carolyn Ott-Friesl

Nicht viel, nicht schnell - aber mit Leidenschaft. So betreibe ich Radsport seit mehr als zehn Jahren. Mehr ├╝ber mich...