Mont Ventoux mit dem Rennrad: Von BĂ©doin auf den Mond

Es gibt ja so Berge, bei denen der Name reicht, um als Rennradler Ehrfurcht zu empfinden. Berge, bei denen man direkt Bilder und Geschichten im Kopf hat und die auf den Bucketlisten sehr vieler Radfahrer stehen. Einer davon ist definitiv der Mont Ventoux – der Riese der Provence mit seinem charakteristisch kahlen Gipfel.

Carolyn Ciclista Mont Ventoux

Der Mont Ventoux steht auch bei mir ganz oben auf der Liste, denn das ist wirklich mal ein besonderer Berg, sowohl vom Erscheinungsbild als auch von den Dramen, die sich an diesem Berg abgespielt haben. Nicht zuletzt erschafft dieser Berg immer neue Helden: Denn wer den Berg auf einen Rutsch (mindestens einmal) von allen drei Seiten schafft, wird in den Club der VerrĂŒckten, der “CinglĂ©s du Mont Ventoux” aufgenommen, ganz offiziell mit Zertifikat und Plakette. Von solchen SpĂ€ĂŸen bin ich trainingstechnisch aber leider gerade seeehr weit entfernt.

Nichtsdestotrotz, auf diesem sagenumwobenen Berg muss ich mal gewesen sein, egal was der gerade eher erbÀrmliche Fitnesszustand sagt.

Schon in der Nacht vor unserer Tour auf den Mont Ventoux kann ich kaum schlafen vor Aufregung. Meine Kondition ist nicht die beste und es wĂ€re fĂŒr mich schon ein echter Sieg, wenn ich aus eigener Kraft am Gipfel ankomme. Zumal der beste Mann der Welt und ich uns natĂŒrlich die Auffahrt von BĂ©doin ausgesucht haben, die als die schwerste gilt und auch bei der Tour de France normalerweise genutzt wird, wenn der Ventoux auf dem Plan steht.


Der Ventoux hingegen hat die MassivitĂ€t des Berges, er ist ein Gott des Bösen, dem man Opfer bringen muss. Als wahrer Moloch, als Despot der Radfahrer, verzeiht er niemals den Schwachen, lĂ€sst sich einen ungerechten Tribut an Leiden bezahlen. Schon von seiner Gestalt her ist der Ventoux entsetzlich: er ist kahl [
], das Prinzip des Trockenen selbst; sein absolutes Klima (er ist viel eher eine klimatische Essenz als ein geographischer Raum) macht ihn zu einem Terrain der Verdammnis, zu einem Ort der PrĂŒfung des Helden, gleichsam zu einer oberen Hölle, in welcher der Fahrer den Beweis seiner ErwĂ€hltheit erbringen wird.

Roland Barthes: “Die Tour de France als Epos” in “Mythen des Alltags“*

Losrollen zum Mont Ventoux

Mit einer Mischung aus NervositĂ€t und Vorfreude rollen wir los bei strahlend blauem Himmel. Wir starten etwas sĂŒdlich von Carpentras, auf etwa 70 Metern Meereshöhe, und haben laut Komoot genau 50 Kilometer, bis wir den Gipfel des Ventoux auf 1909 Metern ĂŒber dem Meer erreichen. Bis dahin geht es eigentlich nur bergauf, erst fast unmerklich und dann immer steiler. Aber erst einmal radeln wir dem Berg recht gemĂŒtlich entgegen, auf Nebenstraßen und durch kleine Ortschaften. Nach etwa 12 Kilometern fahren wir ĂŒber eine kleine Kuppe und da steht er vor uns, in voller Pracht.

Eine riesiggroße Erhebung mit viel GrĂŒn, nur die Spitze sieht beinahe weiß aus – so weiß, dass es beinahe Schnee sein könnte. Ein Anblick, den man schon so oft im TV und auf Bildern gesehen hat. Aber live und mit Aussicht auf Kraxelei ist es dann doch nochmal was Anderes und doch ganz schön beeindruckend. Und auch, wenn wir wissen, dass der Gipfel gerade etwa 1800 Meter ĂŒber uns thront – so hoch sieht es eigentlich gar nicht aus.

Bedoin  Mont Ventoux

Die ersten Schilder kĂŒndigen BĂ©doin an. Langsam wird es also ernst. Mein Wahoo bzw. Komoot fĂŒhrt uns jedoch nicht entlang der Hauptstraße, sondern auf einen rumpeligen Landwirtschaftsweg, auf dem wir auch schon einige Höhenmeter vernichten. Hm, nicht so schlau – falls Ihr auf den Ventoux wollt: Folgt den Schildern und bleibt auf der Hauptstraße! – aber hey: Hauptsache, es geht nach oben.

Bleibt auf der Hauptstraße. Wirklich.
Mont Ventoux Rennrad
Mont Ventoux. Und ich.

Sehr lange sehr steil

Endlich biegen wir auf die Hauptauffahrt ein. Die empfĂ€ngt uns direkt mit knackigen Steigungsprozenten und das wird auf den nĂ€chsten 10 Kilometern auch nicht mehr aufhören. Denn ja. Alles, was man so hört, stimmt. Die Auffahrt ist ziemlich unerbittlich. Es gibt keine Verschnaufpause, so gut wie nie unter 8%, dafĂŒr geht es hoch bis 13%. Irgendwie scheint meine Optik aber etwas verrutscht, denn es sieht gar nicht so steil aus, eher harmlos sogar, wenn man die von den herbstlichen BĂ€umen beschattete, sich dahinschlĂ€ngelnde Straße so anschaut. Das sieht ziemlich idyllisch aus.

Mont Ventoux - Ouvert
Sieht doch eigentlich ganz idyllisch aus?

Aber Beine und der Fahrradcomputer lĂŒgen nicht. Außerdem riechen alle entgegenkommenden Autos ziemlich ĂŒbel nach heißen Bremsen. So kurble ich alleine vor mich hin – der beste Mann der Welt ist schon aus meinem Sichtfeld geradelt – und nach ein paar Kilometern wĂŒrde ich mir dann doch mal ein FlachstĂŒck wĂŒnschen. Aber das kommt nicht. Wirklich nicht. Auch nicht ganz kurz. Puh.

Jeder Kilometer bis zum Gipfel wird von einem Stein am Straßenrand angezeigt. Dabei will ich doch gar nicht wissen, wie langsam so ein Kilometer gerade vergeht. Ich fantasiere so langsam vom Umdrehen. Oder davon, mich einfach an den Straßenrand zu legen und zu warten, bis mich jemand holt.

Aber ich meine: Ich bin doch am Mont Ventoux! Davon habe ich echt schon eine Weile getrĂ€umt. Außerdem fahren Andere das Ding drei Mal hintereinander und ich fange schon bei einer Auffahrt an weichzueiern? Nix da. Weiter, einfach immer weiter treten. Beim Großglockner ging das doch auch irgendwie. Außerdem muss da ja auch irgendwann das Chalet Reynard kommen. Ich weiß zwar noch nicht so genau, was das ist, aber danach soll die Steigung etwas netter werden. Das ist Ansporn genug.

Chalet Reynard

Einige nicht einmal mehr annĂ€hernd runde Kurbelumdrehungen spĂ€ter taucht das Chalet Reynard vor mir auf. Es ist ein Lokal! Ein teures, ĂŒberfĂŒlltes und nicht besonders schönes Lokal, aber ich meine: Es gibt Cola! Und Kuchen! Und Sitzgelegenheiten! Und der beste Mann der Welt wartet dort schon toperholt seit Ewigkeiten auf mich. Gibt wenig bessere Orte auf der Welt jetzt gerade.

Chalet Reynard
Chalet Reynard voraus!

WĂ€hrend mir auf der bisherigen Fahrt gerade einmal eine Handvoll Radfahrer begegnet sind, wimmelt es hier nur so von Rennradlern, E-Bikern, Mountainbikern. Hier treffen die beiden Auffahrten aus BĂ©doin und Sault aufeinander und die von Sault scheint frequentierter zu sein. Oder ich war gerade knapp davor, alle einzuholen. Haha.

Nach der besten Cola der Welt muss es dann doch irgendwann weitergehen. Es sind noch sechs Kilometer bis zum Gipfel. Ab hier geht es hinein in die berĂŒhmte GesteinswĂŒste – die “Mondlandschaft” im Tour-TV-Übertragungsbingo – und ab hier taucht der Gipfel immer wieder am Ende der Straße auf, nachdem zuvor immer BĂ€ume den Horizont verdeckt haben. Es kommt mir alles irgendwie wahnsinnig vertraut vor, schließlich sieht es wirklich so mondig aus, wie man es kennt. Gleichzeitig fĂŒhlt sich diese Straße, die sich durch diese surreal-weiße Landschaft zieht, auch ganz schön bizarr und unwirklich an.

Brunnen Fontaine de la Grave Ventoux
Auffahrt Mont Ventoux

Obwohl die Steigung seit dem Chalet Reynard wirklich etwas ertrĂ€glicher geworden ist, werden die Beine dennoch schon wieder schwer. Und der Ausblick auf den letzten steilen Kilometer macht mich noch mĂŒder. Dabei haben wir sogar GlĂŒck, denn vom berĂŒhmt-berĂŒchtigten Gegenwind werden wir einigermaßen verschont.

Vorbei am Tom-Simpson-Denkmal

Die Kurbelei wird zĂ€h und zĂ€her, der Gipfel rĂŒckt immer nĂ€her. Da muss doch aber noch…. aaah, da ist es! Das Denkmal fĂŒr Tom Simpson, etwa ein Kilometer vor dem Gipfel. Unter Alkohol- und Drogeneinfluss brach er damals wĂ€hrend der Tour de France 1967 hier zusammen und verstarb. Ich kriege ein bisschen GĂ€nsehaut, wenn ich daran denke, was sich genau hier – so kurz vor dem Gipfel – abgespielt hat. Viele Radfahrer lassen hier am Denkmal etwas zurĂŒck, sei es eine Trinkflasche oder einfach nur einen Stein aus der kargen Landschaft.

Denkmal Tom Simpson Mont Ventoux

Noch einmal kurz durchschnaufen und dann auf in den Endspurt. Noch ein Kilometer. Der Endspurt verkommt bei mir aber eher zum Schneckenrennen. Auf der Straße steht zwar quer “Attaquer!” – “Attackieren!” geschrieben, aber – nun ja. Nö. Vorbeigekrochen am Col des TempĂȘtes, eine Scharte, die nach ihren starken Winden und Unwettern benannt ist, geht es hinauf, dem weißen Turm am Gipfel entgegen. Auf dem Weg warten noch ein paar Paparazzi, die mir spĂ€ter ihre Bilder verkaufen möchten. Als ob ich Fotos von mir in diesem Zustand haben wollen wĂŒrde! Die Beinchen schmerzen. Nur noch eine Kurve, die hat es dafĂŒr in sich. Hier sind es noch einmal gut 15%.

Col des TempĂȘtes
Mein Trek Émonda am Col des TempĂȘtes – nur ein paar hundert Meter vom Gipfel entfernt.
Mont Ventoux - Blick auf den Gipfel
Mont Ventoux – Blick auf den Gipfel

Noch einmal aus dem Sattel gegangen und… zu wenig Sauerstoff zum Denken ĂŒbrig gehabt, denn ich biege natĂŒrlich falsch ab und bin eine Ebene unter dem Gipfelschild. Mist. Aufs Rad komme ich jetzt eh nicht mehr, also klickere ich halt zu Fuß die letzten Meter hoch.

Gipfelschild Mont Ventoux
Geschafft!

DafĂŒr rollt jetzt eine Welle der Erleichterung durch mich hindurch. Geschafft. Unglaublich. Da steht das Ventoux-Schild, das heiß umkĂ€mpft ist von den GipfelstĂŒrmern, um ein Foto zu erhaschen – so muss das wohl auch aussehen bei diesen hippen Influencer-Fotostandorten, die jeder mal auf Insta gepostet haben muss. Und hinter dem Gipfelschild gibt’s gratis eine wunderbare Aussicht dazu. Den versprochenen Meerblick versperren ein paar Schönwetterwolken, aber das macht gerade gar nix. Es ist auch so einfach wunderwunderschön.

Mont Ventoux Ausblick Norden
Ausblick nach Norden. HĂŒbsch, nech?

Einen der wohl hĂ€rtesten Rennradanstiege Europa habe ich dann heute mal geschafft. Nicht schlecht fĂŒr die miese Vorbereitung. Und mit diesem Ausblick auf die HĂŒgel der Provence fĂŒhle ich mich auch gerecht entlohnt fĂŒr die Strapazen. Ich kann jetzt auf jeden Fall bestĂ€tigen, dass dieser Berg was Besonderes ist. In vielerlei Hinsicht. Und dass man sich hier so richtig schön wehtun kann – so wie wir Radfahrer das eben gerne machen.

Abfahrt nach MalaucĂšne

Voller Mistral-Paranoia hatte ich mir sowohl eine Windweste als auch noch eine Windjacke in die Trikottaschen gesteckt. Die Jacke reicht fĂŒr die Abfahrt, aber (warmer) Wind geht jetzt trotzdem zur GenĂŒge. Wir stĂŒrzen uns die Kurven hinab Richtung MalaucĂšne und werden auf den ersten paar hundert Metern ordentlich durchgepustet und hin- und hergeworfen. Ansonsten macht die Abfahrt aber einfach nur richtig Spaß, sogar mir alter AngsthĂ€sin: 20 Kilometer geht es hinunter, die Straße ist top in Schuss und die StreckenfĂŒhrung ĂŒbersichtlich. Geschwindigkeitsrekorde breche ich keine, schön ist es trotzdem.

Mont Ventoux Abfahrt MalaucĂšne
Abfahrt nach MailaucĂšne

Bis zu unserer Unterkunft geht es jetzt eigentlich nur noch bergab bis auf ein paar wenige Gegenanstiege, die umso mehr schmerzen. 2000 Höhenmeter zupfen dann doch ganz gut in den Beinchen.

Beim großen Topf Nudeln, vor dem der beste Mann der Welt und ich dann am Abend sitzen, schĂŒtteln wir nochmal die Köpfe. Andere Paare liegen im Urlaub am Strand, wir jagen uns halt zum Spaß und ohne Training Berge hinauf. Ein bisschen komisch sind wir schon – aber ein Urlaub nur mit Sightseeing? NĂ€.

Der Mont Ventoux – ein sackgemeiner, heftiger, toller Berg. Wer einmal oben war, vergisst das so schnell nicht mehr, garantiert.

Mont Ventoux Rennradfahrerin

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FAQ zum Mont Ventoux

Welche Auffahrten gibt es auf den Mont Ventoux fĂŒr Rennradfahrer?

Auf den Mont Ventoux gibt es fĂŒr Rennradfahrer drei Auffahrten. Die Talorte, von denen losgefahren wird, sind BĂ©doin, MalaucĂ©ne und Sault. Die Auffahrt von Sault gilt als die leichteste mit durchschnittlich ca. 4,5% Steigung, die letzten sechs Kilometer sind allerdings identisch mit der Auffahrt aus BĂ©doin. Bei der Tour de France wird ĂŒblicherweise die Auffahrt von BĂ©doin gefahren, die auch als die hĂ€rteste gilt, jedoch ist die Auffahrt von MalaucĂšne im Durchschnitt Ă€hnlich steil (beide ca. 7,5%). Nur gibt es bei letzterer zwar ein paar heftigere Rampen, dafĂŒr auch zwischendrin ein paar flachere Abschnitte zum Verschnaufen.

Wo ist das Tom Simpson Denkmal?

Das Denkmal fĂŒr Tom Simpson befindet sich ca. einen Kilometer vor dem Gipfel, wenn man aus Richtung BĂ©doin oder Sault auf den Mont Ventoux fĂ€hrt. Wer möchte, kann hier Tom Simpson zu Ehren etwas hinterlassen, beispielsweise eine Trinkflasche.

Was bedeutet Mont Ventoux?

Mont Ventoux bedeutet “Windiger Berg”. Wir hatten zwar ziemlich GlĂŒck mit dem Wind, aber es kann gut sein, dass Dir da oben der sogenannte “Mistral” entgegenblĂ€st. Ein starker Wind, der sich auch im Sommer richtig kalt anfĂŒhlen kann.

Warum ist die Spitze des Mont Ventoux kahl?

Das ist leider kein seltenes NaturphĂ€nomen und auch die Baumgrenze verlĂ€uft da eigentlich nicht. Vielmehr wurden die BĂ€ume am Mont Ventoux gerodet, um daraus Schiffe zu bauen und Brennholz daraus zu machen. Die HĂ€nge wurden inzwischen wieder aufgeforstet, die Spitze ist immer noch kahl. Hat natĂŒrlich den Vorteil, dass der Ausblick ziemlich gigantisch ist.

Was gibt’s sonst zu besichtigen in der NĂ€he des Mont Ventoux?

Wer noch Argumente braucht, um die Familie auch davon zu ĂŒberzeugen, unbedingt mal in diese Region reisen zu mĂŒssen: Kein Problem, es gibt auch genug Kultur- und Naturprogramm drumrum!

  • Avignon: Die Stadt ist bekannt dafĂŒr, mal Papstsitz gewesen zu sein, dazu gibt es die berĂŒhmte BrĂŒcke von Avignon und eine hĂŒbsche Altstadt.
  • Pont du Gard: Dieses alte AquĂ€dukt stammt noch aus der Römerzeit und ist ein wirklich sehenswertes Bauwerk – und etwa 2000 Jahre alt, unglaublich!
  • Lavendel und die Landschaft der Provence: Die Gegend ist berĂŒhmt fĂŒr die endlosen Lavendelfelder und alle möglichen Produkte eben daraus. Dazu sind die sanften HĂŒgel der Provence nicht nur toll zum Radfahren, auch zum Wandern gibt es zahllose tolle Möglichkeiten.
Papstpalast in Avignon
Pont du Gard
Pont du Gard

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