PĂ€sse fahren mit dem Rennrad: 10 Tipps fĂŒr AnfĂ€nger
Zum ersten Mal einen richtigen Pass oder groĂen Anstieg mit dem Rennrad bezwingen? FĂŒr mich war es schön und schrecklich zugleich. Der erste nennenswerte Anstieg, den ich mit dem Rennrad komplett hochgefahren bin, war der nach HochfĂŒgen im Zillertal – 2008 endete dort eine Etappe der Deutschland Tour und ich wollte unbedingt dabei sein. Knapp 1000 Höhenmeter, durchschnittlich etwa 7 Prozent Steigung und gerade am Anfang ist dieser HĂŒgel wirklich unerbittlich. Ich habe mich so gequĂ€lt, hab natĂŒrlich alles falsch gemacht, was geht, bin sogar einmal wegen einer Regenrinne umgekippt – aber ich war so unglaublich stolz, als ich dann oben war.
Damit es fĂŒr Dich beim ersten Mal mit dem Rennrad in den Bergen ein bisschen entspannter wird, hab ich hier ein paar Tipps fĂŒr Dich – die werden Dir zwar nicht die schmerzenden Muskeln nehmen. Aber vielleicht sind die zumindest erst einmal Dein einziges Problem. đ
Topmotiviert fĂŒr die Alpen? Dann ist vielleicht die Rubbelkarte fĂŒr AlpenpĂ€sse* eine schöne Inspiration fĂŒr Dich!
1) Den richtigen Zeitpunkt wÀhlen
In den Pfingst- oder in den Sommerferien kann es wirklich unangenehm sein, die bekannten PĂ€sse zu fahren. Motorradfahrer, Camper, SportwĂ€gen können ganz schön fĂŒr Stress sorgen, sowohl bergauf als auch bergab. Und ich verstehe total, wenn man da keine Lust hat, als schwĂ€chster Verkehrsteilnehmer mittendrin herumzufahren.
Versuche deswegen, vor allem PĂ€sse, die sehr frequentiert oder wichtige Transitrouten sind, möglichst in der Nebensaison anzugehen, also im FrĂŒhjahr (Schneelage klĂ€ren!) oder im Herbst, auĂerhalb der Ferien. Wir sind beispielsweise die Sellaronda im Mai gefahren – das Wetter war so mittel (Schneeregen am Pordoijoch đ„¶), viele GeschĂ€fte und Restaurants in der Region hatten noch geschlossen, dafĂŒr hatten wir die vier PĂ€sse beinahe fĂŒr uns alleine. Diesen Kompromiss haben wir gerne in Kauf genommen.
Wenn es gar nicht anders geht, kann es auch sinnvoll sein, sehr frĂŒh oder spĂ€ter zu starten. Letzteres empfehle ich aber nur, wenn Du Dir sicher bist, die Strecke rechtzeitig vor der Dunkelheit zu schaffen.
AuĂerdem gibt es bei vielen PĂ€ssen in Frankreich, Italien und der Schweiz Termine, bei denen die StraĂen fĂŒr den motorisierten Verkehr gesperrt sind. Hier habe ich die Termine fĂŒr autofreie PĂ€sse 2026 fĂŒr Euch zusammengetragen. Informiere Dich aber unbedingt nochmal vorher, ob der Termin wirklich stattfindet und rechne damit, dass es auch stressig sein kann, sich die StraĂe mit vielen Radfahrer/innen zu teilen.
2) Die mentale Vorbereitung
Mir persönlich hilft es sehr, vorher ungefĂ€hr zu wissen, was auf mich zukommt. Die Seite quaeldich.de hat beispielsweise eine ausfĂŒhrliche Datenbank, in der unglaublich viele Anstiege sehr genau beschrieben sind. Dort kannst Du Dir auch mentale Ankerpunkte heraussuchen, um den Anstieg in kleinere Abschnitte einzuteilen. „Nach diesem SteilstĂŒck ist ein Drittel geschafft“, „hier sind es nur noch 5 Kilometer bis oben“, „gleich bin ich am Brunnen“… das macht den Anstieg oft nicht mehr ganz so monströs.
3) Nicht zu spÀt starten
Man sollte sich nicht zu sehr daran orientieren, wie schnell die Profis groĂe Anstiege bewĂ€ltigen. Was fĂŒr diese ein kleiner Teil einer Etappe sein kann, kann fĂŒr so manche Hobbysportler/innen eine tagesfĂŒllende Tour sein. Deswegen kann ich nur empfehlen, so frĂŒh wie möglich zu starten, damit Du genĂŒgend Zeitpuffer hast, bevor die Sonne untergeht. So hast Du dann auch keinen Stress, wenn mal ein Schauer kommt, bei dem man sich unterstellen muss, oder Du doch ein paar mehr Pausen brauchst als gedacht. Vor allem bei Deinem ersten Pass wĂŒrde ich auch versuchen, möglichst nahe am Anstieg zu starten – was am Anfang noch problemlos aussieht, kann auf dem RĂŒckweg wie eine unlösbare Aufgabe erscheinen – und wenn es nur ein paar Kilometer mit ein paar Dutzend Höhenmetern sind.
4) Essen und Trinken
Auch beim Essen und Trinken sollte man im Kopf haben, dass man vielleicht mehrere Stunden an nur einem Anstieg unterwegs ist, an dem es möglicherweise keine Möglichkeit gibt, sich unterwegs mit Verpflegung einzudecken – deswegen nicht einfach nur einen Riegel einpacken und los, sondern lieber etwas mehr mitnehmen als Du fĂŒr notwendig erachtest. Peile möglichst mindestens 60 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde an und setz‘ Dir vielleicht schon ein paar gedankliche Punkte, an denen Du ans Essen und Trinken denkst (jede halbe Stunde, alle 20 Minuten…). Ich komme am besten mit einer Mischung aus Gels und festen Riegeln zurecht.
Wenn es fĂŒr Dich funktioniert, kannst Du auch in den Trinkflaschen ein paar Kohlenhydrate untermischen – ich persönlich habe aber immer gerne eine Flasche nur mit Wasser dabei. Von den Mischungen krieg ich eher Durst đ . Schau vorher schon einmal, ob es Trinkwasserbrunnen oder sogar Einkaufsmöglichkeiten am Weg gibt, um Deine Trinkflaschen nachzufĂŒllen. Und denk auch daran, vorher genĂŒgend zu essen – am besten schon am Vorabend gut Kohlenhydrate tanken.
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5) Aufs Wetter achten
Wenn Du planst, im Hochgebirge unterwegs zu sein, schau Dir unbedingt die Schneelage und die Sperrzeiten an. Manche PĂ€sse öffnen erst im Juni und sogar im Hochsommer kann es auf ĂŒber 2000 Metern frostig werden.
Das Wetter in den Bergen kann ohnehin unberechenbar sein. Und was das heiĂt, glaubt man erst, wenn man es mal erlebt hat. Was gerade noch wie ein blauer Himmel ausgesehen hat, kann in 15 Minuten zum bedrohlichen Wolkenturm werden. Deswegen checkt unbedingt die Gewittergefahr, die Regenwahrscheinlichkeit und immer wieder auch das Regenradar in Echtzeit. Wenn Du keine Unterstellmöglichkeit hast, kann es richtig gefĂ€hrlich werden, in den Bergen in ein Unwetter zu geraten. Und auch, wenn das Wetter ideal scheint: Sonnencreme nicht vergessen! Auch auf 2000 Meter kann die Sonne knallen!
6) Lass es langsam angehen & finde Deinen Rhythmus
Du fĂŒhlst Dich richtig gut? Super! Aber mach nicht den Fehler, zu schnell in den Berg hinein zu starten. Die Körner wirst Du oben noch brauchen. Und auch, wenn Deine Begleitung oder andere Radfahrer/innen schneller sind als Du: Hör auf Deinen Körper und lass Dich nicht stressen. Wenn Du zu sehr in den roten Bereich fĂ€hrst, erholst Du Dich vielleicht nicht mehr ausreichend davon. Am Ende kommt es drauf an, dass Du oben ankommst. Und zwar so, dass Du auch die Abfahrt noch konzentriert angehen kannst.
Versuch, einen Rhythmus zu finden, in dem Du eine Weile fahren kannst. Mir hilft es beispielsweise oft, mir einen guten Ohrwurm mit dem richtigen Beat fĂŒr meine Trittfrequenz auszusuchen – den summe ich dann den ganzen Berg vor mich hin und denke gar nicht mehr so oft dran, dass ich gerade eigentlich gerne nicht mehr treten wĂŒrde. Versuch, in den Armen und Schultern locker zu bleiben. Verkrampfen kostet noch mehr Kraft. Und hin und wieder kann es gut tun, auch mal in den Wiegetritt zu wechseln, um den Körper aufzulockern.
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7) Materialcheck & Ăbersetzung
Dein Training ist wichtig – der Zustand Deines Rads ist aber genauso essentiell. Damit Du möglichst sicher und komfortabel fĂ€hrst, solltest Du Dein Rad vor einer gröĂeren geplanten Tour immer noch mal genau checken. Ist die Kette noch in Ordnung? Ist die Schaltung richtig eingestellt und funktionieren alle GĂ€nge? Passt der Reifendruck, brauchst Du vielleicht noch einen Satz neuer Reifen und ist Dein Pannenkit noch funktional? Ist der Steuersatz fest? Und super wichtig: Sind Deine Bremsen gut in Schuss oder sollte da nochmal nachjustiert oder BelĂ€ge gewechselt werden? Wenn Du Dir unsicher bist, schau am besten noch einmal in der Radl-Werkstatt vorbei.
Die passende Ăbersetzung, also Deine GĂ€nge am Fahrrad, sind mit entscheidend dafĂŒr, dass Du gut den Berg hinaufkommst. Ideal ist es, wenn Du eine 1zu1-Ăbersetzung hast – also beispielsweise 34 ZĂ€hne auf dem kleinen Kettenblatt und 34 ZĂ€hne auf Deinem gröĂten Ritzel. Das hilft ungemein, auch bei steileren Abschnitten die Trittfrequenz ertrĂ€glich zu halten und weniger schnell zu ermĂŒden. Wenn Du Dir unsicher bist, welche Ăbersetzung Du am Rad hast oder wie Du etwas daran Ă€ndern kannst, frag am besten im Radladen Deines Vertrauens nach. (Wenn Du in Rosenheim und Umgebung bist, dann natĂŒrlich am besten bei meinem Partner Cycle Rosenheim! đ )
8) Genug Bekleidung fĂŒr Auf- und Abfahrt
Wer bei 35 Grad im Tal in den Anstieg hineinfĂ€hrt, kann kaum glauben, dass eine Jacke dringend notwendig sein kann. Mir ging es beispielsweise am GroĂglockner und am Stelvio so – unten noch hochsommerliche Temperaturen und oben zitterte ich sogar mit meiner Jacke ordentlich rum, weil es weit unter 10 Grad waren. Damit Du nicht auskĂŒhlst und genug Kraft und Konzentration fĂŒr die Abfahrt hast, nimm unbedingt eine Jacke und je nach Lage am Gipfel vielleicht sogar Beinlinge oder Handschuhe mit. Wer komplett ausgekĂŒhlt ist, kann sich nicht auf die Abfahrt konzentrieren, hat keine Kraft mehr in den Fingern und vielleicht erhöhst Du die Chance, dass Du Dir danach eher mal einen Infekt einfĂ€ngst.
9) Abfahrt nicht unterschÀtzen
Die meisten Pass-Newbies haben den gröĂten Respekt vor dem Hochfahren. Dabei sollte man auch die Abfahrt wirklich nicht unterschĂ€tzen. Gerade, wenn es wirklich lange steil bergab geht, brauchst Du genĂŒgend Konzentration, genĂŒgend Kraft und genĂŒgend Vertrauen in Dein Material und Deine Fahrtechnik.
Ich war noch nie die schnellste oder eleganteste Abfahrerin – dafĂŒr hab ich einfach zu viel Kopfkino. Aber wie beim Skifahren: Es ist vielleicht nicht immer schön, aber ich komme ĂŒberall recht sicher runter. Was mir anfangs geholfen hat, ist ganz bewusst an kleineren Abfahrten zu ĂŒben, wie sich mein Fahrrad verhĂ€lt. Wichtig dabei: Bremse lieber punktuell statt permanent, nimm das kurvenĂ€uĂere Bein immer nach unten, bremse VOR den Kurven und nicht in den Kurven und vielleicht der wichtigste Tipp: schau immer dahin, wo Du hinfahren möchtest und nicht dorthin, wo Du Angst hast, zu stĂŒrzen.
10) GenieĂe die Fahrt!
Bei aller Anstrengung und vielleicht auch Aufregung, vergiss nicht, auch ein bisschen zu genieĂen. Nimm Dir etwas Zeit fĂŒr den Ausblick, mach‘ Dir bewusst, wie meditativ die Kurbelei sein kann und sei nicht zuletzt ordentlich stolz, wenn Du es geschafft hast – egal, ob Du nun langsamer warst als gedacht oder ob irgendwas nicht so war, wie Du es Dir vorgestellt hattest. Sei ĂŒbrigens auch stolz, wenns mal nicht geklappt hat. Den Mut, es zu probieren, muss man auch erst einmal haben und jede Erfahrung macht Dich stĂ€rker. Ich wĂŒnsche Dir richtig viel SpaĂ beim Ausprobieren und ich hoffe, dass Dir meine Tipps ein bisschen weiterhelfen.
PĂ€sse, ĂŒber die ich schon geschrieben habe: Stelvio – Mont Ventoux – GroĂglockner – Sellaronda – Autofreie PĂ€sse

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Carolyn Ott-Friesl
Seit fast 20 Jahren auf dem Rennrad unterwegs - nicht viel, nicht schnell, aber mit Leidenschaft. Trainerin, Selberfahrerin, Radsportbuch-Autorin. Seit 2014 Bloggerin auf Ciclista.net
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