Die Tour de France Femmes 2022 – ein wunderschöner Höllenritt
Was war das für eine Woche, was waren das für Etappen und warum bitte ist alles so schnell wieder vorbei? Die Tour de France Femmes hat in mir ALLE Emotionen geweckt, die so ein Radrennen so herauskitzeln kann und lässt mich richtig wehmütig (weils schon vorbei ist), aber auch euphorisch (weil es erst der Anfang ist) zurück.
Ich meine, was war das für ein Ritt?
Der Rückblick zum Hören! 🚲 🎧
„Regines Radsalon“ zur Tour de France Femmes mit Regine Heidorn, Conny Brückner und mir 🙂
Hier lang!
Marianne Vos einige Tage in Gelb, am Ende mit dem grünen Trikot und mit zwei Etappensiegen. Diese Frau ist seit Jahren, fast Jahrzehnten DIE Siegfahrerin auf jedem Terrain und hat jetzt endlich das bekommen, was sie verdient. Wie wunderwunderwunderbar!
Mavi García und ihre Pleiten-, Pech- und Pannen-Graveletappe. Zwei Defekte, Radwechsel, vom eigenen Teamauto umgefahren und schmeißt trotzdem nicht alles hin, sondern greift schließlich an der Super Planche des Belles Filles an und holt sich den Preis der kämpferischsten Fahrerin.
Die völlig überdrüberschöne Freude von Cecilie Uttrup Ludwig, die in ihrem dänischen Meistertrikot eine Etappe gewinnt und mich beim Siegerinneninterview zu Tränen rührt.
Die athletische Lorena Wiebes, die direkt die Champs-Élysées-Etappe abschießt, da ein fremdes, weinendes Kind mit auf das Podium nimmt (was war da los? 😀 ), noch eine Etappe gewinnt und dann so tragisch wegen Sturzverletzungen aufgeben muss.
Marlen Reusser (die übrigens nebenbei auch Ärztin, Politikerin und sehr gute Geigerin ist), die einfach mal davonfährt, alle anderen auf Distanz hält und so einen wunderbaren Solo-Etappensieg einfahren kann.
Mitfavoritin Marta Cavalli, die buchstäblich aus dem Rennen geschossen wird von Nicole Frain, die wie eine Flipperkugel versucht, durch einen Sturzszene durchzurauschen und dabei spektakulär versagt.
Kasia Niewiadoma, die vor allem seit ihrer Covid-Erkrankung einem Sieg hinterherläuft, sich superstark präsentiert und am Ende immerhin auf dem Gesamtpodium der Tour de France Femmes steht.
Laura Süßemilch, die nach nur zwei Etappen und zwei Stürzen das Rennen verlassen muss aufgrund zweier gebrochener Wirbel.
Demi Vollering, die nach eigenen Angaben in der Form ihres Lebens ist, zwar nicht ganz vorne landen kann und bei der Siegerehrung für ihr Bergtrikot die Tränen nicht zurückhalten kann, aber einfach ein so starkes Rennen fährt und das restliche Fahrerinnenfeld (außer AvV) weit hinter sich lässt.
Und natürlich: Annemiek van Vleuten, die mit 39 Jahren allen jungen Hüpfern so richtig einen einschenkt, die zwei harten Bergetappen und letztendlich das Gelbe Trikot gewinnt. So beeindruckend, mit welcher Souveränität sie da vorne weggefahren ist.
Als side acts: Formel1-Fahrer Valtteri Bottas, der seiner Freundin Tiffany Cromwell Flaschen angibt und das umfallende Motorrad an der Super Planche des Belles Filles. Phew, what a ride!
♥🚲 Noch mehr Tipps, Tests und Geschichten rund um Frauenradsport? Hier entlang!
Frauenradsport bekommt seine Bühne
Dass alle diese schönen, traurigen, lustigen, aufregenden Geschichten eine Bühne bekommen haben, ist so so wichtig. Denn warum schauen wir Radrennen mit Begeisterung? Weil wir Gesichter dazu kennen, weil wir Geschichten dahinter gehört haben, weil wir wissen, welche Fahrertypen heute vielleicht eine Chance auf den Sieg haben und weil wir so mit jemandem mitfiebern können. Sonst ist das alles eine anonyme Masse an Radfahrer*innen – und da kann so ein Rennen auch ganz schön egal sein.
Ja, es gibt noch den Giro Donne, es gibt noch die Klassiker, es gibt die WM. Aber was im Radsport eben zählt, ist die Tour de France. Dort entstehen Legenden, hier brennen sich die Namen auch bei den Nicht-Radsportfans ein und deswegen kommen die Sponsoren. Nichtsdestotrotz gibt es natürlich auch so viele Frauen im Radsport, die man kennen sollte und die nie die Chance hatten, an einer Tour de France teilzunehmen.
Aber sind die Frauen denn bereit für eine Tour de France Femmes?
Oh ja, es gab richtig viele Stürze und die Niveauunterschiede waren deutlich. Da kamen auch einige Kritiker aus ihren Löchern gekrochen. Ob die Frauen denn bereit seien für eine Tour de France, wenn das alles so anders als bei den Männern abläuft?
Puh. Ja gut, ob es wirklich 24 Teams gebraucht hätte, ist natürlich eine valide Frage. Im Frauenradsport ist einfach noch viel weniger Geld drin und so ist natürlich auch die Leistungsdichte noch nicht so hoch wie bei den Männern. Einige Teams waren da leider eher Füllmaterial.
Aber ich finde, dass die Rennen so anders ablaufen als bei den Männern, war in dieser Woche doch ein großer Gewinn. Frühe Attacken, zersplittertes Feld, spannende Verfolgungen – wie viel weniger spannend wären da fünf Massensprints gewesen?
Und die vielen Stürze? Naja. Da ist zum ersten Mal eine Tour de France für Frauen, die großflächig übertragen und sogar geguckt wird. Alle Fahrerinnen sind nervös, alle wollen sich präsentieren, es gibt nur acht Etappen, jede davon wird am Anschlag gefahren. Jede Fahrerin kann Geschichte schreiben. Die Straßen sind oft viel schmaler und schlechter als bei der Männer-Tour, für die oft extra neu asphaltiert wird. Und es wundern sich Menschen, dass es viele Stürze gibt und nutzen das für sexistische Theorien?
Schon mal die erste Sprinterwoche der Männer-Tour geguckt? Mal Caleb Ewan oder Julian Alaphilippe gefragt, ob die auch mal fahren oder sich nur fliegend fortbewegen?
Aber nun genug aufgeregt.
Hat die TDFF eine glänzende Zukunft? Hoffentlich!
Diese Woche hat mir jedenfalls richtig viel Spaß gemacht, ich habe die Frauen noch ein bisschen besser kennengelernt (auch dank der umfassenden Berichterstattung auf allen Kanälen) und ich freu mich schon sehr auf die nächste Ausgabe und generell die nächsten Rennen. Und warum ich hier darüber schreibe, obwohl es sicher noch tausend bessere Expert*innen dazu gibt?
Weil Präsenz so unglaublich wichtig ist. Über die Tour de France Femmes und über Frauenradsport muss mehr gesprochen, geschrieben, gesendet werden. Denn nur, wenn auch den Veranstaltern und Sponsoren klar wird, dass das alles interessant ist für die Öffentlichkeit, dass es nachgefragt wird, dass Medienpräsenz gefordert wird – dann wird diese Tour de France Femmes eine Zukunft haben und nicht wie die anderen Anläufe in wenigen Jahren wieder verschwinden wie die früheren Ausgaben.
Das ist also die Hausaufgabe für alle, die mehr davon haben wollen: Schaut Euch die Rennen an, redet darüber, twittert darüber, lest darüber! Es lohnt sich!
Und wie Abbey Skujina bei Cyclingtips schreibt: Jede/r Radprofi wird gefragt, ob er oder sie denn mal die Tour mitgefahren ist. Eine neue Generation von Frauen kann jetzt sagen: Ja, bin ich! Und das ist ganz schön wunderbar.
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Carolyn Ott-Friesl
Seit fast 20 Jahren auf dem Rennrad unterwegs - nicht viel, nicht schnell, aber mit Leidenschaft. Trainerin, Selberfahrerin, Radsportbuch-Autorin. Seit 2014 Bloggerin auf Ciclista.net
Mehr über mich .:. Mein Buch "Unnützes Wissen über Radsport" .:. Ausrüstung & Partnerlinks



