Leiden und Genie├čen bei der Eroica: Wei├če Stra├čen, bunte Wolltrikots und ein gro├čes Radsportfest

Pressereise | Ab dem Zeitpunkt, an dem klar ist, dass wir in die Toskana zur Eroica Montalcino fahren, besch├Ąftigt mich die Wahl der Strecke tagelang. 70 Kilometer mit 1300 H├Âhenmetern? Kein Problem. Also normalerweise, so mit einem modernen Rennrad, modernen Klickpedalen und auf geteerten Stra├čen.

Aber ich will ja was erleben. Also doch lieber die 96 Kilometer mit 1900 H├Âhenmetern? Das klingt schon mit modernem Material und ohne Schotter gar nicht so easy. Aber machbar. Die 150 Kilometer mit 3000 H├Âhenmetern fallen raus, so selbstbewusst bin ich dann doch nicht. Also klicke ich mit klopfendem Herzen auf die 96-Kilometer-Strecke im Anmeldeformular. Da erlebe ich was, da bin ich mir sicher.

Eroica Montalcino: eine heldenhafte Herausforderung

Aber zun├Ąchst zur├╝ck zum Anfang. Was ist diese Eroica eigentlich? W├Ârtlich ├╝bersetzt ist es „die Heldenhafte“ – und das trifft es schon ganz gut. Denn die Herausforderung dabei ist: Mit alten Rennr├Ądern und sonstiger Vintage-Ausstattung (alles m├Âglichst mindestens 35 Jahre alt) ├╝ber die wei├čen Schotterstra├čen der Toskana fahren, reich an H├Âhenmetern und sch├Ânen Ausblicken.

Das bedeutet: Rahmenschaltung, keine Klickpedale, „W├Ąscheleinen“ am Lenker, d├╝nne Reifen, Wolltrikot. All die sch├Ânen modernen Spielzeuge und Materialien, auf die wir heutzutage zur├╝ckgreifen k├Ânnen, sollte man bei der Eroica zuhause lassen. Das stellt mich in den Tagen vor dem Rennen vor ein paar Probleme. Welche Schuhe zieht man da an? F├Ąllt meine Lycra-Radhose auf? Und bekomme ich da vor Ort noch ein Wolltrikot?

Gl├╝cklicherweise habe ich noch eine Sonnenbrille aus den Achtzigern von meinem Vater im Fundus und bei Deichmann finde ich Adidas-Hallenschn├╝rschuhe, die von weitem vielleicht ganz ok aussehen k├Ânnten. Wird schon! Also Mann, Kind und ungef├Ąhr tausend Dinge eingepackt und ab ├╝ber den Brenner in Richtung Toskana. Andiamo!


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Montalcino: Toskana wie aus dem Bilderbuch

Die Autobahn f├╝hrt uns ├╝ber Florenz nach Siena (erster Gelato-Stop: Check!) und von da an geht es ├╝ber kleine, recht l├Âchrige Stra├čen ├╝ber Land. Die Toskana entt├Ąuscht uns nicht, das ist hier wie man es sich vorstellt. Sanfte H├╝gel, kurvige Stra├čen, Zypressen entlang des Horizonts. Hach. Und einer der gr├Â├čeren H├╝gel, auf dem eine trutzige Festungsstadt thront, stellt sich als unser Ziel f├╝r heute heraus: Montalcino. Premium-Toskana, wie jemand sp├Ąter zu mir sagen wird.

Wir schl├Ąngeln uns die kurvige Stra├če hinauf und erste Schwei├čperlen bilden sich auf meiner Stirn, wenn ich dran denke, dass ich am Ende der Eroica dann mit dem Rad auf diesen H├╝gel hinauf muss.

„Sie haben Ihr Ziel erreicht!“ Da sind wir nun also, am Eingang zur Altstadt von Montalcino und hier – ganz unscheinbar – liegt auch unsere Unterkunft Albergo Giardino, in der wir die n├Ąchsten Tage hervorragend umsorgt von Gastgeberin Nida unterkommen.

Erstmal die Koffer ins Zimmer schmei├čen und los geht’s zum Erkunden. Montalcino ist eine wundersch├Âne mittelalterliche, steinige, gr├╝ne Stadt, umgeben von Olivenhainen und Weinanbaugebieten. Steile Gassen, grobe Steine und ein Traumausblick auf die umliegende Landschaft. K├Ânnte schlimmer sein, so ein Toskana-Urlaub!

├ťberall h├Ąngen die Schilder, die den Weg zum Start-/Zielbereich der Eroica weisen – dann laufen wir denen doch mal nach. Und nach wenigen Minuten kommen wir an, an der Piazza del Popolo, dem Eroica-Epizentrum f├╝r dieses Wochenende. Ein Radsport-Traum. Girlanden aus leuchtenden Woll-Radtrikots sind ├╝ber den Platz gespannt, Stra├čenmusiker sorgen f├╝r Stimmung und ├╝berall sind wundersch├Âne alte R├Ąder und deren zeitgem├Ą├č gekleidete Fahrer*innen zu sehen. Ich wei├č gar nicht, wo ich zuerst hingucken soll.

Den Abend begehen wir, wie man das halt so machen sollte in der Toskana: Auf dem Weingut Col d’Orcia, wo wir den wirklich SO guten Brunello-Rotwein (sagt die normalerweise Wei├čwein- bzw. gar-nicht-Trinkerin :P) und sonstige Leckereien von hier verk├Âstigen. Dort treffe ich Giuseppe, eigentlich Journalist f├╝r juristische Themen bei der Zeitung Corriere della Sera. Er war schon oft bei der Eroica dabei und schw├Ąrmt mit leuchtenden Augen – und versucht mich doch noch f├╝r die ganz lange Strecke zu begeistern. „Das muss man sowieso langsam machen, sonst macht man es falsch.“


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Der Tag vor der Eroica: Anfreunden mit dem Oldie-Rad

Am Tag vor der Eroica hole ich nach dem s├╝├čen italienischen Fr├╝hst├╝ck (Pistazien-Croissants – ich m├Âchte eigentlich nix anderes mehr…) erst einmal meine Startnummer und die Stempelkarte ab. Wie in Italien bei Radevents ├╝blich muss daf├╝r ein Gesundheitszeugnis vorgezeigt werden – je nach Strecke sogar inklusive EKG, wie bei meinen 95 Kilometern. Gl├╝cklicherweise war mein Hausarzt seeehr flexibel und hat mich kurzfristig zwei Tage vor Abfahrt noch durchgecheckt.

Eine der letzten H├╝rden muss ich vor dem Rennen nehmen: Ich brauche ein Wolltrikot! Der gro├če Vintage-Markt rund um das Rennen bietet alles, was das Oldie-Radherz begehrt: Radkleidung, Schuhe, Zubeh├Âr, alle vorstellbaren Anbauteile und nat├╝rlich restaurierte alte Radsch├Ątze. Ich w├╝hle mich durch die St├Ąnde und werde dann irgendwann f├╝ndig: ein Wolltrikot in blau und wei├č, passend zu meinen Schuhen. Mehr als 50 Euro wollte ich nicht ausgeben f├╝r ein Trikot, dass ich m├Âglicherweise nur einmal anziehe. Die richtig tollen Trikots mit kultiger Werbung oder Weltmeisterstreifen liegen alle bei mindestens 100 Euro. Hui!

Noch schnell das mit lauter tollen Leckereien gef├╝llte „Race Pack“ in der schicken Blechkiste bei Gino abholen und dann wird es Zeit, meinen Teampartner f├╝r morgen kennenzulernen: mein Leihrad. Die Gr├Â├če passt, die 105er-Rahmenschaltung ist etwas zu neu f├╝r die Eroica-Anforderungen, daf├╝r ist die ├ťbersetzung echt heldenhaft. Naja, sind ja nur knapp 2000 H├Âhenmeter, die ich damit hochfahren soll. Wird schon!

Meine ersten paar Meter auf dem Rad sind sehr wackelig. Bremsen geht nur im Unterlenker und an dem Sattel werde ich nur begrenzt Freude haben. Aber nach ein paar hundert Metern f├╝hlt sich das alles schon ganz ok an. Mit der Rahmenschaltung komme ich gut klar, das kenne ich noch von meinem allerersten Rennrad. Eine kleine Testtour zum Passo del Lume Spento und einen Abstecher in eine kleine Strada Bianca sp├Ąter bin ich zufrieden – wir sind ein gutes Team!

Abends genie├čen wir die Atmosph├Ąre in Montalcino – ├╝berall Musik, tanzende Menschen und ein wundervolles Abendlicht. Ein wirkliches Radsportfest ist das hier! Noch einmal hausgemachte Pasta essen, ein klitzekleines bisschen Wein trinken und schon wird es Zeit, alles f├╝r morgen vorzubereiten, damit ich mich m├Âglichst unbemerkt vom schlafenden Kind wegschleichen kann. Schuhe, Wolltrikot, Radhose, Brille, Helm, Trinkflasche, Sonnencreme. Kann losgehen!

Raceday!

Das mit dem unbemerkt wegschleichen klappt sehr gut. Bis dann die T├╝re beim Rausgehen leider superlaut zu quietschen und knarren beginnt und ich ein Aufheulen von der anderen Seite h├Âre. Mist. Da muss der beste Mann der Welt aber jetzt mal kurz alleine klarkommen – ich muss los!

Der Tag startet gut mit dem s├╝├čen, pistazienreichen Fr├╝hst├╝ck, ich f├╝lle die Trinkflasche und tappere los, um mein Rad abzuholen. Ich rolle durch die alten Gassen Richtung Start und erlebe eine Schrecksekunde, als mein Vorderrad in einer Regenrinne h├Ąngenbleibt. Huiuiui, das h├Ątte jetzt auch das Ende meiner Eroica sein k├Ânnen, noch bevor es losgeht…

Aber alles noch einmal gut gegangen. Ich hole mir meinen ersten Stempel an der Piazza del Popolo, starte den Bolt, den ich in der R├╝ckentasche mitnehme, schl├Ąngle mich durch die noch-nicht-Starter*innen und dann bin ich auf dem Weg in mein kleines Abenteuer. Der Freilauf surrt im Morgenlicht, die k├╝hle Luft und die erste Abfahrt mit Ausblick – so l├Ąsst es sich aushalten!

Nach wenigen Kilometern geht es dann los mit dem Schotter. Ich fahre hinein in die erste wei├če Stra├če, die mit einem sanften Auf und Ab durch die Landschaft geht. Nach einer Weile f├Ąhrt Sara von hinten auf mich auf. Superfit ist sie unterwegs mit ihrem eigenen Colnago-Stahlrenner und kariertem Wolltrikot. Urspr├╝nglich ist sie aus Rom, wohnt aber in der Schweiz und spricht perfekt deutsch. Wie cool! Die n├Ąchsten 40 Kilometer nehmen wir gemeinsam unter die R├Ąder.

Nach nur 12 gefahrenen Kilometern fahren wir bereits auf die erste Verpflegung zu. Ich hab doch erst gefr├╝hst├╝ckt! Also nur ein St├╝ck Banane mitgenommen, ein bisschen umgesehen und weiter geht’s, immer hoch und runter.

Eigentlich w├╝rde ich gerne alle paar Meter stehen bleiben f├╝r ein Foto. Wegen des Regens in den Wochen zuvor ist die Toskana so gr├╝n wie sonst kaum um diese Jahreszeit. Die bunten Wolltrikots auf den wei├čen Stra├čen, Mohnblumen am Stra├čenrand, die Zypressen werfen noch lange Schatten, die Sonne w├Ąrmt ganz sanft – es ist einfach sehr, sehr sch├Ân und so k├Ânnte ich den ganzen Tag weitercruisen. Ich finde, ich mache meinen Job, die Eroica maximal zu genie├čen, gerade sehr gut.

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Gef├Ąhrliche Abfahrten und stechende Sonne

Dann kommt erstmals der Part, vor dem ich wirklich Respekt habe. Steile Abfahrten auf Schotter – und hier k├╝ndigt sogar ein Schild an, dass die Abfahrt mit 15 % gef├Ąhrlich sein kann. Na, dann d├╝rfen die Bremsen mal zeigen, was sie so drauf haben.

Ich ziehe an den Bremshebeln wie verr├╝ckt und feuere mich mit Selbstgespr├Ąchen an. Okokokok, aaaaah, huiiii, was mache ich denn hier? Liebe Felge, halte durch – MAMA, ah jetzt ists gleich vorbei, HA GESCHAFFT.

Ja, Abfahrten sind nicht so mein Ding, vor allem nicht auf Schotter. Puh.

Wir rollen immer mal wieder Fahrerinnen auf – von den 2500 Teilnehmenden sollen immerhin 300 Frauen am Start sein. Na, ausbauf├Ąhig, w├╝rde ich sagen! Aber kein Wunder, denn bei Eroica hat man halt oft die ├Ąlteren M├Ąnner mit imposanten B├Ąrten im Kopf und auf Bildern. Die Frauen, die wir sehen, sehen allesamt sehr fit aus, sind teilweise in Kleidern am Start, w├Ąhrend bei den M├Ąnnern auch sehr oft ein eher aerodynamischer Bierbauch pr├Ąsentiert wird.

In Buonconvento rollen wir auf die zweite Verpflegung zu. Die Sonne f├Ąngt langsam an zu stechen, es ist halb elf. Die perfekte Zeit f├╝r… Wein? An den reichlichen Verpflegungsstationen gibt es kaum isotonisches Sport-Convenience-Food – Wein, Spanferkel, K├Ąse, Wei├čbrot mit Salz in Oliven├Âl und allerlei s├╝├če italienische Leckereien sind unter den Pavillons der „Ristoros“ zu finden. Es ist ein Tr├Ąumchen! Wenn da nicht noch die H├Âhenmeter w├Ąren, die man das volle B├Ąuchlein und den kleinen Schwips danach hinaufschleppen muss.

Deswegen lasse ich das mit dem Wein mal lieber noch und bediene mich lieber bei Wasser, dem ├Âligen Brot und den vielen italienischen Dolci, bevor es weitergeht – durch den Ortskern und weiter ├╝ber Land.

Die Amplituden der Stra├če werden gr├Â├čer. Noch gut machbar. Aber dann neigt sich die Schotterstra├če pl├Âtzlich steil hinauf. Also, richtig steil. Na, geht schon, auch, wenn die Beinchen langsam brennen. Wir fahren die ersten Menschen auf, die ihr Fahrrad schieben. Langsam fahre ich Sara davon. Ich hab leider keinen kleineren Gang mehr und noch etwas weniger Geschwindigkeit, dann fall ich um.

Wir ernten „Brava!“ und „Grande“-Rufe, ich biege um die n├Ąchste Kurve. Waschbrettpiste. Mir haut es bei 6 km/h fast die Schuhe vom Pedal beim Dr├╝berrattern, w├Ąhrend ich eh nur versuche, hier zu ├╝berleben.

Die n├Ąchste Kurve – Mist, das geht nur noch so steil weiter. Dann erstmal runter vom Rad und auf zum fr├Âhlichen Wandertag. Einige Momente sp├Ąter sehe ich Sara an mir vorbeik├Ąmpfen, immer noch auf dem Rad. So stark! Ich bin jetzt kurz vorm Hitzekollaps und bin nur froh, dass ich wenigstens keine Klickschuhe anhabe zum Hochstiefeln.

Der Schotter endet irgendwann, ich schwinge mich wieder aufs Rad und kurz danach kommt schon die n├Ąchste Verpflegung – diesmal weniger opulent als in Buonconvento, aber mit leckerem Obst. Die Schattenpl├Ątzchen um das Ristoro sind voll mit Menschen, die mit m├╝den, verschwitzten Gesichtern ihr Obstsch├Ąlchen aufessen.

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Ich schaue auf meinen Bolt. Es sind noch 40 Kilometer und 900 H├Âhenmeter – immerhin etwa die H├Ąlfte schon geschafft. Aber das wird eine harte Kiste, dieser Anstieg hat ein paar K├Ârner gekostet.

Es geht noch weiter hoch nach der Verpflegung. Am Pedal links versp├╝re ich einen wachsenden Widerstand – begleitet von einem herzzerei├čenden Quietsch-Krachen. Liebes Pedal, bitte lass mich nicht im Stich! Die anderen drehen sich erst irritiert und dann etwas mitleidig nach mir um.

Ich bleibe kurz stehen, drehe das Pedal hin und her und fahre weiter. Das Ger├Ąusch ist schon mal weg, ein kleiner Widerstand immer noch da. Aber zumindest scheint es jetzt erst einmal weiterzugehen.

Da kommt auch schon die Streckenteilung. Geradeaus k├Ânnte man jetzt direkt nach Montalcino weiterfahren, rechts weg geht es direkt in eine „Discesa difficile“ – eine schwierige Abfahrt – auf die gr├Â├čeren Runden.

Kurz ├╝berlege ich, die Beinchen sind matt und das Ziel verlockend. Aber ich meine, ich bin doch f├╝rs Abenteuer da, der Tag ist noch jung und eigentlich will ich nicht, dass es schon vorbei ist. Also los! Kurz von Sara verabschiedet, die die k├╝rzere Runde nimmt und hinein in die Abfahrt. Die stellt sich jedoch als grobe Schotterrinne raus. Das f├Ąngt ja gut an!

Next level Schotter

Ich steige ab und schiebe erst einmal den steilsten Teil hinunter – und bin damit nicht die einzige. Irgendwann muss es ja wieder fahrbar werden. Aber ich verstehe langsam, warum in der Streckenbeschreibung stand: „for trained cyclists who do not get scared off the slopes“ – ja gut, ich scare mich halt ein bisschen. Aber davon geht ja erst einmal nix kaputt.

Der Schotter ist ab hier doch nochmal eine andere Hausnummer. Die Steine gr├Â├čer, die Rinnen tiefer und die Reifenspuren schmaler. Huiuiui. Ich bin zwar schon ziemlich fertig, wenns bergauf geht – aber bergab ist fast noch anstrengender mit bremsen und konzentrieren. Ich bin langsam echt durch und nur froh, dass ich zumindest keine Materialprobleme wie so viele andere habe.

Ganz kurz – so bei Kilometer 70 herum – hat mein Spa├č bei der Eroica ein Loch. Vor gef├╝hlt jeder Abfahrt steht inzwischen ein Schild, das zur Vorsicht mahnt – meine H├Ąnde tun weh vom Bremsen, meine Trinkflasche ist fast leer und JEDE*R hier hat f├╝r die Anstiege kleinere G├Ąnge auf der Ritzelkassette als ich. Ich tue mir gerade ziemlich selbst leid. Aber nur kurz. Schlie├člich bin ich ja nicht f├╝r eine Wellness-Radtour hier in der Toskana unterwegs. Also zusammenrei├čen, Caro, und das Leiden genie├čen.

Irgendwie wackle ich mich dr├╝ber und rette mich auf Asphalt. Auch hier geht es nonstop hoch und runter. Ein St├╝ck entfernt ist der n├Ąchste Ristoro sichtbar. Sehr gut – ich brauche unbedingt Wasser!

Swing-Musik, ├╝berall liegen alte, sch├Âne Rennr├Ąder um die Verpflegungspavillons, ich hole mir beim Rennmechaniker etwas ├ľl f├╝r mein Pedal ab. Aber jetzt brauche ich Wasser. Dringend! Ich schnappe meine Flasche und finde – kein Wasser. Wein gibt es hier! Und Schwein. Und ein paar s├╝├če Sachen. Ok, hilft nix. Also auch zwei Schluck Wein in den Plastikbecher und ein paar s├╝├če St├╝ckchen inhalieren. Und wieder rauf aufs Rad. Hinein in die n├Ąchste Strada Bianca – diesmal wieder wie aus dem Bilderbuch. In leichten Wellen geht es auf und ab, der Weg ist ges├Ąumt von Zypressen – ich wei├č nicht, ob es am Wein liegt, aber es rollt wieder!

So kann es weitergehen. Aber es fehlen ja noch ein paar H├Âhenmeter und die kommen jetzt. Der n├Ąchste lange Anstieg lauert schon auf dem Profil. Die Stra├če ist geteert, so dramatisch kann es eigentlich nicht sein. Aber Sonne von oben, supersteil, Gegenwind, kein Wasser mehr und mir zieht’s mal kurz den Stecker. Nur ganz kurz im Schatten rasten, bevor es weitergeht. Da stehen schon ein paar andere Radler, die auch mal kurz verschnaufen.

Aber ich muss weiter. Besser wird’s nicht. Wieder los zur Aufholjagd mit meinem Heldenritzelpaket. Endlich oben, da wartet schon die n├Ąchste schwierige Abfahrt. Ja hui, jetzt reichts aber langsam mal. Weiterwackeln, Selbstgespr├Ąche, bremsen, bremsen, bremsen – und hinein in die kleinen Gegenanstiege.

Alle, die mir jetzt begegnen, sind schon durch mit der Welt – das merkt man auch daran, dass kurz vor mir zwei Eroici einfach mal BERGAUF bl├Âd gest├╝rzt sind. Kurz sp├Ąter schiebt ein einseits voll bandagierter Radler sein Oldie-Rad dem Berg entgegen. Jetzt ist dann langsam bei den meisten der Ofen aus, also immer weiter konzentriert bleiben. Es sind jetzt nur noch knapp 15 Kilometer und etwa 400 H├Âhenmeter und eine Verpflegung soll noch kommen. Hoffentlich bald, denn jetzt w├Ąre Wasser bald mal richtig cool!

Fast im Ziel

Ich erreiche Castelnuovo dell’Abate, auch so ein sch├Ânes altes St├Ądtchen mit engen Gassen und gro├čen Pflastersteinen. Gerade finde ich aber die Steilheit dieser kleinen Gassen etwas gemein. Noch ein paar mal richtig hindr├╝cken – und da ist die Verpflegung und der letzte Kontrollpunkt f├╝r heute erreicht! Erst einmal zwei Flaschen Wasser hineinsch├╝tten, was S├╝├čes, kurz umgucken – es ist einfach echt sch├Ân hier!

Und weiter gehts. Jetzt kann es ja nicht mehr weit sein. Es geht hinunter, auf Asphalt – immerhin! Und nicht sehr lange. Denn jetzt kommt der Schlussanstieg. Ich fahre vorsichtig rein – es sind ja doch noch 6 oder 7 Kilometer bergauf und ich habe wirklich keine Lust zu schieben wie schon so viele hier. Mit meiner ├ťbersetzung ├╝berhole ich weiter flei├čig Mitstreiter*innen und irgendwie gehen die Beine wieder auf. Wasser und Schokokuchen sei Dank!

Die Kilometer und H├Âhenmeter fliegen dahin und da neigt sich die Stra├če schon wieder in die Waagrechte, ich ├╝berquere den mir schon bekannten Kreisel zur Altstadt in Montalcino, fahre an der Stadtmauer entlang, noch eine kleine Abfahrt, rechts einbiegen in die Pflastergasse zur Piazza del Popolo und schon ist es rum!

Kurz anstellen f├╝r den letzten Stempel und die Medaille, danach abtauchen in die laute Party im Zielbereich. Jede und jeder wird hier gefeiert, Jubel brandet auf, sobald neue Radfahrer*innen ankommen. Die Finisher werden gleich von der Menge aufgesogen und man kann gar nicht anders als einfach mitwackeln. Puh! Tats├Ąchlich geschafft! Und ich bin gleichzeitig froh und traurig, dass es schon vorbei ist.

Eroica in Montalcino – wirklich ein Erlebnis!

Noch lange nach mir trudeln immer weiter Eroici im Ziel ein und werden gefeiert – bis dann irgendwann gegen 19 Uhr der Besenwagen hinter den beiden letzten 150-Kilometer-Startern auftaucht. Dann haben es jetzt alle geschafft, wie sch├Ân!

Sp├Ąter, frisch geduscht bei Pizza und Gelato muss ich wirklich dar├╝ber schmunzeln, an welch verr├╝ckte Orte mich der Radsport so bringt, w├Ąhrend um uns herum immer noch die Party tobt. Und ich bin froh, dass ich hin und wieder einfach „Ja“ sage, wenn es darum geht, ein bisschen was zu wagen. Was f├╝r ein top-organisiertes Event in dieser so sch├Ânen toskanischen Landschaft. Und ein verr├╝ckter, herzlicher, lauter Haufen, diese Eroici – sch├Ân, jetzt eine von ihnen zu sein und die gemeinsame Freude am Leiden erlebt zu haben. Ich glaube, das mach ich wieder. Danke Radsport!


FAQ zur Eroica Montalcino


Welche Strecken gibt es bei der Eroica Montalcino?

Es gibt insgesamt f├╝nf Strecken zur Auswahl.

Family Fun Route: 27 km mit 580 hm (12 km wei├če Stra├čen)
Brunello Route: 46 km mit 900 hm (23 km wei├če Stra├čen)
Short Route: 70 km mit 1300 hm (46 km wei├če Stra├čen)
Medium Route: 96 km mit 1900 hm (63 km wei├če Stra├čen)
Long Route: 153 km mit 3000 hm (75 km wei├če Stra├čen)

Welche Ausr├╝stung braucht man f├╝r eine Eroica?

Die aktuellen Anforderungen sind immer in der Ausschreibung angegeben. Bei der Eroica in Montalcino sollte das Fahrrad und m├Âglichst auch die restliche Ausr├╝stung mindestens 35 Jahre alt sein. Nur Fahrr├Ąder ohne Schalthebel sind erlaubt, also beispielsweise mit Rahmenschaltung. Auch Lycra ist sehr ungern gesehen – die Veranstalter behalten sich sogar vor, Teilnehmer*innen mit zu moderner Ausr├╝stung zu disqualifizieren.
Vor Ort k├Ânnen zeitgem├Ą├če Fahrr├Ąder geliehen werden, am besten aber fr├╝hzeitig drum k├╝mmern!

Gibt es noch weitere Eroica-Veranstaltungen?

Die Eroica in Montalcino gibt es erst seit wenigen Jahren, sie ist quasi ein Spin-Off der „Original“-Eroica im toskanischen Gaiole, die seit 1997 teilweise auf den gleichen Strecken ausgetragen wird.
Es gibt zahlreiche weitere Eroica-Veranstaltungen in der ganzen Welt – beispielsweise in S├╝dafrika, Japan, Spanien, in der Schweiz und auch im deutschen Eltville bei Frankfurt. Eine ├ťbersicht ├╝ber die aktuellen Events gibt es hier.

Was sind die Strade Bianche?

Eine Strada Bianca ist eine „wei├če Stra├če“ – das sind die typischen feinen Schotterstra├čen, die es in der Toskana sehr oft gibt. Meistens ist der Untergrund sehr gut zu befahren auch mit d├╝nnen Reifen, hin und wieder kann es je nach Witterung aber auch tiefere Schotterstellen, L├Âcher oder Rinnen geben. Vorsicht ist also immer geboten. Die Profis fahren im Fr├╝hjahr auch ├╝ber diese Stra├čen beim Fr├╝hjahrsklassiker „Strade Bianche“ mit Ziel in Siena.

Was muss man bei Rad-Events in Italien beachten?

Es gibt in Italien sehr viele wunderbare Gran Fondos f├╝r Radfahrer. Speziell zu beachten ist, dass man daf├╝r dort ein Gesundheitszeugnis braucht, um an den Start gehen zu k├Ânnen. Die genauen Anforderungen findet man in der jeweiligen Ausschreibung. F├╝r meine 96 Kilometer-Strecke in Montalcino brauchte ich beispielsweise eine Bescheinigung vom Hausarzt inklusive EKG, f├╝r die k├╝rzeren Routen war ein Gesundheitszeugnis ohne EKG ausreichend.


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Transparenzhinweis: Die Kosten f├╝r Unterkunft, Verpflegung und Teilnahme wurden vom Veranstalter ├╝bernommen. Das hat keine Auswirkung auf meine Meinung.

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