Rosenheimer Radmarathon 2017: Tempo bolzen im Regen

Der Rosenheimer Radmarathon ist mein Heimrennen. Klar, da muss was gehen – ein bisschen ambitioniert sollte man da schon rangehen. Noch dazu ist es eine toll organisierte Veranstaltung, sehr familiär, Verpflegung an den richtigen Stellen und wunderhübsche Strecken (von 70 bis 240km) mit fiesen Steigungen und tollen Ausblicken. Was will man mehr? Schon Monate vorher drängle ich also den besten Mann der Welt, mit mir unbedingt die 170 Kilometer zu fahren. Völlig utopisch bei unserem Trainingszustand, wie er mir augenrollend immer wieder vorhält. Aber schließlich hab ich das vor zwei Jahren bei der 24h-Renn-Vorbereitung auch geschafft. Und 120 Kilometer schafft man auch ohne Verpflegungsstation. Think big, tschakka!

Und so rückt der Radmarathon näher und ich werde erst einmal krank. Zwei Wochen vorher streckt mich der Luftzug einer Klimaanlage nieder. Hm – das könnte eng werden mit dem Radmarathon. Der beste Mann der Welt ist natürlich außer sich vor Begeisterung bei der Aussicht, die 170 Kilometer allein zu fahren, die er ja eigentlich gar nicht fahren wollte.

Wie gut, dass mein Immunsystem weiß, wann sein Einsatz gekommen ist. Und so wage ich drei Tage vor dem Radmarathon eine kleine Einrollrunde mit Twitterer Dominik, der für den Radmarathon von weit oberhalb des Weißwurstäquators angereist ist. Und abgesehen von ein bisschen Husten fühlt sich das Einrollen doch ganz gut an.

Rosenheimer Raceday!

Und dann ist er da, der Rosi Marathonday! Früh um 7 Uhr packen wir also unsere Sachen und machen uns in bewährtem Morgenmuffelmodus auf zum Start. Das Wetter sieht perfekt aus und es soll laut Wetterbericht auch ganz gut bleiben. Ein bisschen bewölkt, etwas über 20 Grad – Radwetter!

Bei der Startnummernausgabe lerne ich gleich mal Jennifer kennen, eine Strava-Bekannte – Verrückt, man wohnt nur wenige Kilometer auseinander und kennt sich doch (bisher) nur online. Nun noch Dominik suchen und finden, schon stehen wir pünktlichst um 7 Uhr 30 an der Startlinie. Gestartet wird immer in Blöcken von 15 Fahrern und wir merken schnell, dass wir eine gute Gruppe erwischt haben. Drei, vier starke Fahrerinnen und Fahrer machen das Tempo bei angenehmen 27 km/h und wir sausen fröhlich plappernd Richtung Norden.

Das fröhlichere Geplapper hat ein Ende, als nach einer Viertelstunde erste Tropfen auf uns niedergehen. Wir stutzen kurz – ach, da vorne sieht es doch schon viel heller aus, mal abwarten. Das Tempo verschärft sich und unser gemütlicher Radmarathon wird langsam aber sehr sicher zum Ausscheidungsfahren. Eine kleine Welle – zack, ist die halbe Gruppe weg. Ich wäre es eigentlich auch, aber der beste Mann der Welt beschließt, dass wir unbedingt zusammen jedes Loch zufahren müssen, das sich auftut.

Wir fetzen dahin, durch kleine Dörfer und über idyllische Nebenstraßen und irgendwie wird es immer schneller und nasser. Missmutig schreie ich nach vorne zum Mann, dass ich eigentlich keine Lust habe, den ganzen Marathon mit über 30km/h zu fahren – der beste Mann der Welt lacht. „Du, wir haben gerade über 40 auf dem Tacho“. Oh mann. Kein Wunder, dass meine Beinchen sich irgendwie etwas unentspannt anfühlen.

Irgendwie habe ich dieses Jahr offensichtlich nicht so viel Glück mit dem Wetter bei Radveranstaltungen – ich erinnere mich da an Eschborn. Brrrrr. Aber wenigstens ist es in Rosenheim bei weitem nicht so kalt.

Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 31km/h erreichen wir die erste Verpflegung nach 45 Kilometern. Ich wusste gar nicht, dass ich im Nicht-Rennmodus so schnell fahren kann. Aber ich könnte jetzt auch durchaus wieder ins Bett. Mir reichts. Dominik sieht mich etwas vorwurfsvoll an und erinnert mich, dass ich ihm einen gemütlichen Radmarathon versprochen hatte. Tja nun. Wir tropfen vor uns hin und genehmigen uns bei der ersten Verpflegung erst einmal Kaffee und Kuchen.

Der beste Mann der Welt drängelt aufs Weiterfahren. Er hat Blut geleckt und würde am liebsten weiter am Anschlag durch den Chiemgau sausen. Rennfahrer bleibt eben Rennfahrer. Ich möchte jetzt eigentlich nicht mehr so. Ich weiß auch gerade nicht so genau, wie ich den Plan mit den 170 Kilometern in die Tat umsetzen soll nach dem Tempo zum Auftakt.

Etwas elanlos rolle ich also mit den beiden Jungs wieder los. Unsere Gruppe ist (glücklicherweise!) schon abgedüst und wir fahren erst einmal gemächlich weiter. Die Strecke führt uns wieder Richtung Süden, den Bergen entgegen, die wir jetzt immer im Blick haben. Zumindest immer dann, wenn sich nicht gerade eine Wolke dazwischenschiebt.

Wir erklimmen den berüchtigen Anstieg von Hirnsberg und schlängeln uns danach malerisch und steil hinauf nach Söllhuben. (Ja, so heißen die Orte hier 🙂 ) Und je weiter ich nach oben schwimme, äh kurbele, desto klarer wird mir, dass ich heute niemals 170 Kilometer zusammenbekomme. Zudem würden uns die richtigen Anstiege erst noch bevorstehen.

Eine rasante Abfahrt später erreichen wir die Verpflegung in Frasdorf. Warme Nudelsuppe und Spezi – ein Träumchen! Die Menschen, die uns bei der Proviantstelle erwarten, trotzen tapfer dem miesen Wetter und haben für jeden ein nettes Wort übrig. Danke dafür! Aber ein bisschen kühl wird es langsam schon, wenn man klatschnass bis auf die (unter der Radhose nicht vorhandene) Unterhose ist. Die Lippen des besten Mannes der Welt laufen langsam blau an. Unser Plan mit der großen Runde ist gerade dabei, sprichwörtlich ins Wasser zu fallen.

Wir entscheiden uns für die Vernunft: Wir lassen die Berge links liegen und biegen ab auf die “kleine” Strecke – 115 Kilometer reichen für heute dicke. In Einerreihe und halbblind wegen des Regens düsen wir also wieder Richtung Rosenheim, verlieren noch ein, zwei Mal die Radmarathonstrecke, finden dank Heimvorteil doch wieder dorthin zurück und rollen nach einigen Kilometern glücklich unter dem Zielbogen in Rosenheim durch. Jetzt erst einmal ein Bier! Sponsorbedingt alkoholfrei, aber passt schon. Als Finishergeschenk gibt’s coolerweise eine Windweste und wir lassen das Event mit Kuchen ausklingen. Ja, so stellt man sich so einen entspannten Radmarathon dahoam vor. Ich freu mich schon aufs nächste Jahr (schon jetzt im Kalender anstreichen: 24.6.2018!), dann hoffentlich nicht ganz so nass.

Carolyn Ott-Friesl

Nicht viel, nicht schnell - aber mit Leidenschaft. So betreibe ich Radsport seit mehr als zehn Jahren. Mehr über mich...

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