Ein Tag im neutralen Materialwagen: 2. Etappe von Bonn nach Trier

Die erste Etappe der Deutschland Tour hat die Messlatte ganz schön hoch gelegt. Tolles Wetter, richtig viele Zuschauer, ein spannendes Rennen. Hält die zweite Etappe, was die erste verspricht?

Andrang beim Team Sky.
Tom Dumoulin gibt fleißig Autogramme.

Die zweite Etappe startet im Zielort des Vortags Bonn und führt nach Trier. Um im Rennen dabei zu sein, müssen die Profis sich einschreiben, jeden Tag vor jeder Etappe. Das sieht so aus: Auf einer Bühne im Startbereich befindet sich eine große Tafel, die alle Fahrernummern enthält. Jeder Fahrer unterschreibt dann bei seiner Nummer und ist damit auf der Startliste, zusätzlich wird er vom Sprecher auf der Bühne vorgestellt. Somit ist die Einschreibung für die Zuschauer eine tolle Gelegenheit, die Fahrer zu erleben und vielleicht sogar ein Autogramm oder ein Selfie mit dem Favoriten zu bekommen.

Bei der Einschreibung in Bonn sieht der Himmel erst einmal nicht nach Sommer aus. Zumindest bleibts aber trocken und obwohl es Freitag und damit ein (fast) normaler Werktag ist, sind bereits viele Fans zum Start nach Bonn gepilgert, um den Start zu verfolgen. Die deutschen Fahrer und die großen Namen werden bejubelt – so viel Enthusiasmus so früh am Morgen. Nicht schlecht, Bonn!

Team Bora-hansgrohe bei der Einschreibung.

 

Ich darf die heutige Etappe im neutralen Materialwagen von Vittoria verbringen. Falls ein Fahrer einen technischen Defekt hat und der Teamwagen gerade nicht greifbar ist, kommt der neutrale Materialwagen zum Einsatz. Genauso helfen die Vittoria-Leute bei der Verpflegung oder allem, was sonst der Teamwagen übernehmen würde.

Mein Standort für heute ist der Beifahrersitz. Neben mir hat Giovanni die Macht über das Lenkrad und den Funk, auf der Rückbank wartet Stefano auf seinen Einsatz zusammen mit drei Ersatzlaufrädern und einem gut bestückten Werkzeugkasten. Übrigens ist Stefano für alle Fälle gerüstet – alle Disc- und Felgenbremssysteme hat er im Sortiment, die von den Teams gefahren werden.

 

Anfangs fällt es mir etwas schwer, mit den beiden ins Gespräch zu kommen. Ich verstehe zwar etwas italienisch, sprechen funktioniert aber nur so mittelgut, abgesehen vom Fragen nach Briefmarken und dem Zählen bis 100. Auf Englisch können wir uns gut unterhalten, allerdings scheint vor allem Giovanni heute nicht so viel Lust zu haben, das Rennen zu erklären – er taut erst auf, als er merkt, dass ich nicht ganz ahnungslos in Sachen Radsport bin.

Giovanni ist der Chef der Materialservice-Truppe bei der Deutschland Tour, drei Vittoria-Autos sind im Feld unterwegs. Er arbeitet auch außerhalb der Deutschland Tour als Fahrer, er war selbst früher Radprofi und fuhr 13 Grand Tours mit. Zudem – und als er das erzählt, bekommt er leuchtende Augen – hat er sein eigenes Frauenteam, bei dem er Sportlicher Leiter ist.

Stefano arbeitet direkt bei Vittoria, er ist am Hauptsitz in Bergamo für den Service und die Reparatur von eingeschickten Felgen zuständig. Er hat aber sonst mit dem Rennradfahren nichts am Hut. „Einmal im Jahr fahre ich 30 Kilometer, dann weiß ich wieder, dass das nichts für mich ist“, seine Leidenschaft liegt eher beim Enduro.

Wir starten in Bonn ein paar Minuten vor dem Feld, hinter der großen Polizeikolonne. Der Weg durch Bonn ist gesäumt von Fans – unglaublich, was auf den Straßen los ist, noch vor Kilometer Null, bei dem der scharfe Start erfolgt. Das zieht sich durch bis Trier: In jedem Nest stehen die Leute an der Straße, beeindruckend!

Wir blicken in lauter erwartungsvolle und fröhliche Gesichter, viele Kinder dürfen sich vor der Schule platzieren und haben die tollsten Plakate gebastelt. Der Materialwagen ist eben auch ein echter Hingucker, viele zücken die Handys, um ein Foto zu machen, als wir vorbeikommen.

Giovanni hat ganz links im Fußraum noch ein zusätzliches Pedal – damit wird die charakteristische Hupe ausgelöst, die so oft bei Radrennen zu hören ist. Diese Hupe lässt er immer ertönen, wenn wir an größeren Gruppen vorbeifahren. Mindestens ein Lächeln, mal kommt richtiger Jubel zurück. Es ist manchmal so einfach, Menschen glücklich zu machen.

Über den Funk Radio Tour erfahren wir, dass die ersten Attacken aus dem Feld im Gange sind. Es dauert jedoch einige Kilometer, bis sich eine stabile Spitzengruppe gebildet hat. Die gewinnt dann aber schlagartig an Boden. Der Vorsprung wächst innerhalb kürzester Zeit auf fast vier Minuten und wir halten jetzt am Straßenrand. „Warten wir jetzt auf die Gruppe?“ – Giovanni nickt, sagt „Si“, und schaut konzentriert auf die Strecke. Die vier Spitzenreiter schießen um die Kurve und rasen an uns vorbei. Der Motor unseres Autos heult auf und wir bekommen schnell den Anschluss an die Gruppe.

 

Wir sind der erste neutrale Materialwagen hinter der Spitze, zwischen uns und dem Feld ist noch ein Vittoria-Wagen, als Back-Up. Dann fährt noch einer hinter dem Feld – die Crew ist jedoch meistens recht arbeitslos, da ohnehin meist zwei Autos je Team hinter dem Peloton unterwegs sind.

Zweimal fahren wir direkt hin zu den Fahrern, Giovanni bietet aus dem Fahrerfenster Flaschen und Riegel an, die Fahrer nehmen das gerne an. Hin und wieder wird es etwas wilder, wenn wir die Kurven in den Abfahrten mit quietschenden Reifen nehmen.  Ansonsten haben wir einen ruhigen Tag und können die Landschaft genießen. Das lohnt sich – wir fahren durch atemberaubende Flusstäler mit Weinbergen, inzwischen ist auch die Sonne rausgekommen.

Ich habe zwar den ganzen Vormittag nix getrunken, um genau das zu vermeiden, aber – ich muss mal. Anfangs denke ich mir noch: Ach, das geht schon. Nach etwas mehr als zwei Rennstunden bin ich aber langsam verzweifelt. Es sind noch drei Stunden bis ins Ziel. Wir sind direkt hinter der Gruppe, ich kann doch jetzt nicht… Aber es muss sein. „Äh, excuse me, äh, could we please soon stop somewhere in the woods?” Giovanni grinst fast unmerklich, nimmt sein Funkgerät, ordert den zweiten Materialwagen nach vorne und hält am Waldrand. Hashtag #dankbar ist hier sehr angebracht.

Schnell sind wir wieder bei den Spitzenreitern. Die Gruppe kämpft tapfer, aber die Bergwertungen fordern ihren Tribut. Im Feld wird angegriffen, der Abstand nach vorne wird zur Hälfte des Rennens immer kleiner. Die Fahrzeuge zwischen Peloton und Spitze werden rausgeordert, entweder, um sich hinter dem Feld oder ganz vorne einzuordnen.

Wir geben Gas und haben schnell einen ordentlichen Abstand zwischen uns und die Fahrer gebracht. Der Funk teilt mit, dass die Ausreißer jetzt einer nach dem anderen geschluckt werden. Jetzt ist die heiße Phase angebrochen, Attacke ist jetzt Dauerzustand, keiner kann sich mehr nennenswert absetzen, dafür fallen die ersten Fahrer hinten raus aus dem Feld.

Giovanni und Stefano genießen den Ausblick.

Das heißt für uns: Wir bleiben ab jetzt vor den Fahrern. Und diese Freiheit nutzen wir aus. Gleich zwei Mal halten wir an und genießen den Ausblick. Gespannt verfolgen wir den Tourfunk und bleiben so auf dem Laufenden.  Schneller als gedacht haben wir dann schon das Trierer Umland erreicht und nähern uns der ersten Zieldurchfahrt. Wir könnten zwar jetzt schon raus aus dem Rennen, aber Giovanni will sich die Schlussrunde nicht entgehen lassen.

Publikum am Petrisberg.
Nils Politt im Zielsprint – am Ende hats nicht ganz gereicht.

Am Petrisberg, der letzten Steigung der Etappe, ist kaum mehr Platz. Hier stehen die Leute an guten Stellen in Dreierreihen und warten auf das Feld. Ein toller Anblick. Giovanni gibt Gas, damit wir den Zielsprint noch direkt miterleben können. Wir nähern uns schon wieder dem Ziel, werden aus der Rennstrecke geleitet, springen aus dem Auto und sprinten zur Strecke. Genau rechtzeitig: 200 Meter vor dem Ziel fliegt Nils Politt als erster an uns vorbei, am Ende gewinnt Max Schachmann die Etappe und übernimmt dazu noch das Leadertrikot. Was für ein perfekter Abschluss! Ich verabschiede mich von Stefano und Giovanni und bedanke mich – eine schöne Art, das Rennen zu verfolgen.

Im Ziel vor der Trierer Arena gab es dann noch ein kleines Bloggertreffen: Endlich habe ich mal Boris vom Unterlenker-Blog kennengelernt, für den die zweite und dritte Etappe auf heimatlichem Boden stattfinden. Natürlich findet Ihr bei ihm genaue Infos über die Region! Schön, dass wir uns getroffen haben!

Damit ist bereits die Hälfte der Etappen der Deutschland Tour Geschichte. Hoffen wir, dass das Sommermärchen weitergeht!

 

Carolyn Ott-Friesl

Nicht viel, nicht schnell - aber mit Leidenschaft. So betreibe ich Radsport seit mehr als zehn Jahren. Mehr über mich...